Wie doch die Zeit vergeht!

„…Erst trägt sie dich,

dann trägst du sie,

und wann’s vorüber, weißt du nie!“

 

(Wilhelm Busch)

 

Etwa 80 Personen waren zu meinem 60. Geburtstag eingeladen.

Meine Kinder und Ursulas Kinder waren nicht gekommen.

Sie hatten sich krankheitshalber entschuldigt.

Gegen Krankheit kann man nichts machen. Das wissen Ältere meist mehr als die Jüngeren.

Livemusik mit einer Sängerin, Sketche wie die ältere Dame, die nach Musikintervallen einen Karton am Bindfaden hinter sich herzog und Männer über Mikrofon dazu animierte, dem Karton nach und nach im Gänsemarsch zu folgen: „Da könnt ihr alle mal sehen, wie viele Männer noch so einer alten Schachtel (Karton in der Redewendung) folgen!“ Und dazwischen „Danz op de Deel“, rundum ein gelungenes Fest.

Eigentlich war es mir nicht Recht, dass es so viele Gäste waren.

Aber den Tanz- und den Kegelclub konnte ich nicht ausschließen.

 

Gegen Mitternacht endete die Feier mit einem Kuss während eines Bauchtanzes.

Nun sehe ich Bilder (Fotos) an, und es macht mich traurig. Traurig, weil die Zeit so schnell veging.

Eigentlich sollte ich fröhlich gestimmt sein, so ein schönes Fest erlebt zu haben.

Aber – wie heißt es so? Die Vergangenheit holt dich immer wieder ein.

Ich wollte mit vielen Leuten noch einmal sprechen, und beim Wollen ist es geblieben.

Beide Clubs lösten sich nach der Feier auf.

zum Glück bleiben uns unsere Kinder, die ich von Zeit zu Zeit einmal sehe. Und – ich freue mich, ihnen einige alte Fotos hinterlassen zu können.

Fotografieren war nie meine Stärke, und damals war das auch viel beschwerlicher und umständlicher.

Mein Geburtshaus ist nach meinen Informationen inzwischen abgerissen worden.

Es hat die „Wende“, die Wiedervereinigung, wie ich es lieber formuliere, wie vieles andere nicht überlebt.

Hätte man es erhalten, würde man heute noch die Jugendstil-Ornamenik an der Hausfassade

bewundern können.

In den Dreißiger- und Vierziger- Jahren konnte man in dem kleinen Kino mir roten Plüschsesseln und Tischchen und kleinen roten Lämpchen darauf etwas verzehren; ein Novum zu damaliger Zeit.

Die Sitzreihen verliefen von hinten oben nach vorn unten.

Die Platzanweiserinnen und Getränke- und Snack-Verkäuferinnen gingen durch die Reihen, was für diejenigen, die schon einen Sitzplatz hatten, natürlich störend war.

Im Volksmund hieß dieses kleine CT- Kino („Cinema -Theater“) in Halle an der Saale im Steinweg 12 „die Fettbemme“, weil es schwer war, Karten zu bekommen, und das nicht nur wegen der höheren Preise und des Verzehrzwanges nicht für Geringverdienende.

Gretel Thieme, Fritz Schulz, Lucie Englisch und Paul Hörbiger kann man auf dem Kino-Plakat

von 1937 lesen, links der Privateingang mit Klingelpartien für die Maßschneiderei Arthur Franke.

1939 wurde mein Vater eingezogen. Der „Kompagnon“, der ungetreue Schneider Wiegels verkaufte das gesamte Inventar einschließlich der unbezahlten Kleiderstoffe aus Aachen und verschwand mit dem Geld („Reichsmark“) auf Nimmerwiedersehen, ohne vorher m,eine Mutter konsultiert zu haben..

 

So war das damals.

In den Tante-Emma-Läden bekam ich als Kind aus einem großen Glasgefäß einen Bonbon und war selig damit.

Zucker und Mehl wurden aus einem großen Sack mit einer Schütte in eine Papiertüte gefüllt und mit einer Zwei-Waagschalen-Waage und Eisengewichten abgewogen. „Macht Sechzjennje!

Haste keene, mei Kleener! Schon schlechter! Na, ich schreiwes an!“

Marmelade aus einem Blecheimer mit einem großen Löffel gab es in ein gebrauchtes Glas gefüllt,

das Glas natürlich extra abgewogen!

Eine Tafel Schokolade kostete 1937 1,30 Reichsmark, ein „Stammessen in der „Mittelstandsküche „

30 Pfennige, die Fahrt mit der „Elektrischen“ 15 Pfennige, ein Brot 42 Pfennige (1kg 0,33 Mark), der billigste Platz im Kino 1 Reichsmark, in der „Fettbemme“ 3 Mark.

75 Reichsmark kostete die Wohnungsmiete, einen gewässerten Salzhering als „grünen Hering“ zum Räuchern bringen, damit aus ihm ein Bückling wurde, 30 Pfennige, einmal Wäschemangel benutzen 10 Pfennige, ein knarrender Riesen-Holzapparat, der den ganzen Raum einnahm.

Das Monatseinkommen meiner Mutter, die ganztags als „Stenotypistin“ in einer Schuhfabrik arbeitete, betrug 600 Mark.

 

Schon immer wurde von „der guten alten Zeit“ gesprochen, aber die gab es nie wirklich.

Kohlen wurden als Briketts oder Gruskohle vors Haus geschüttet.

Der Leierkastenmann spielte in den Hinterhöfen. Fenster öffneten sich, und Frauen warfen in Zetungspapier gehüllte zweio Groschen dem Mann hinunter.

Höhepunkte des Jahres waren in Halle der Jahrmarkt mit dem „Ringelspiel“ (alte Bezeichnung für ein Karussell) und „Lecker-lecker-Honi“, eine dem Ursrung nach türkische weiße klebrige Honigmasse, auf einen Holzstiel geschmiert, weiter das traditionelle Laternenfest auf der Saale mit wundervollenen farbigen Illuminationen und Feuerwerk, die wegen des Krieges später wegfielen.

Der „Braunbier“-Wagen kam einmal in der Woche mit dem Pferdchen, ebenso wie der Eiswagen mit den Block-Eisstangen.  Wir Kinder haschten nach heruntergefallenen Eisstückchen.

Auf der Straße spielten wir Kinder Dschangeln mit Murmeln oder kleinen Geldmünzen, „Kreiseln“mit der Peitsche zum Antreiben, einen großen Holzreifen mit einem Stock zum Laufen bringen, Seifenblasen machen und als „Moorkecker“, nach dem Regen durch den Rinnstein und die tiefsten Pfützen laufend.

Polizisten waren grün mit Tschako-Helm gekleidet und hatten für mich als Kind wegen des Helms ein furchterregendes Aussehen. Alle nannten sie „Sipo“ oder „Schupo“ Manche von ihnen kamen in die Wohnung und kontrollierten das Verdunkelungsrollo gegen vorausgesagte Flieger-Angriffe.

 

„Zither-Reinhold“, ein Unikum meiner Heimatstadt auf der Straße zu necken, war Kindersache. Heute wäre so etwas wie ein respektloser „Kult um ein Original“ undenkbar.

Es fuhren kaum Autos. Und wenn, waren es Pritschenwagen mit einem Holzvergaser-Ofen hinten offen drauf. Die Not machte erfinderisch!

Benzin war wegen der „Kriegsgefahr“ nicht mehr zu bekommen. So musste mein Vater seinen Opel P4 mit hinten außen angebrachtem Reserverad in der Garage stehen lassen, auch wenn er als Feldwebel in auffälliger schmucker dunkelblauer Uniform „auf Urlaub“ nach Hause kam.

Später hatte die Rote Armee der „siegreichen Sowjetunion“ unser Auto beschlagnahmt, natürlich ohne Quittung!

Was ist seit dieser Zeit alles passiert! Kein Mensch hätte sich diese Veränderungen träumen lassen!

Wo ist das alles geblieben?

Alles hat sich verändert. Einige Stadtteile meiner Heimatstadt sind nicht wiederzuerkennen.

Und erschreckend, wie die Zeitso schnell davon galoppiert ist!

 

Blicken wir nicht mehr zurück. Die Kinder spielen nicht mehr draußen.

Ich freue mich sehr und bin bewegt über ein Rosenblütenblatt, das mir einer meiner inzwischen erwachsenen Enkel in die Hand gedrückt und dabei gesagt hat; „Fühl‘ mal!“:

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