Null Bock auf Sterben

In meinem letzten Traum trug sich Folgendes zu:

Da steht ein Mann vor der Tür, etwas hohlwangig im Gesicht, mit einer Kapuze über dem Kopf.

In der Hand hält er so eine komische Sense.

„Guter Mann“, sage ich zu ihm, wie Sie sehen, bin ich gerade in der Unterhose, so wie beim unverhofften Besuch meines Freundes, der sich nie anmeldet, und für den immer ein kaltes Bier im Kühlschrank bereitsteht. Er war aber als Ausnahmefall bisher der Einzige, der im Schulunterricht nicht gelernt hat, dass man sich anzumelden hat, wen man einen Besuch macht.

Außerdem sind Sie an der falschen Adresse. Der Bauer nebenan braucht immer Erntehelfer.

Versuchen Sie’s mal bei dem. Ich verstehe nicht allzu viel von Landwirtschaft, aber ich muss Ihnen sagen, die Wintergerste muss noch ein bisschen reifen. Wenn Sie etwas zu verkaufen haben, guter Mann, ich brauche nichts.“

Der Besucher aber lässt sich nicht abwimmeln.

„Ich soll Sie abholen!“, sagt der Kapuzenmann freundlich, aber bestimmt. „Sofort und auf der Stelle!“

„Das passt mir im Moment aber gar nicht! Meine Jugend ist zwar schon bröckelig, aber mein Arzt hat gesagt, mein Haltbarkeitsdatum hätte er nach Infusionen und nach meiner Pankreas-OP und durch Eintrag in seiner Akte erneuert. Soweit ich mich erinnere, wollte er gemeinsam mit mir den Sinn des Lebens erörtern.

Außerdem haben mein Sohn und ich noch die Absicht, durch gemeinsames Ansehen des Filmklassikers „Vera Cruz“ zu ergründen, was ein „Gemütsmensch“ ist, Mein Sohn entschuldigte sich, er sei bisher durch seinen anstrengenden Beruf und seine Fahrt nach Tübingen überlastet gewesen.

Freund Dieter, er ist Installateur, versucht seit 30 Jahren mir den Unterschied zwischen Nippel, Flansch, Muffe und Stutzen zu erklären. Er sagt immer, ich sei ein bisschen schwer von Begriff, aber mit 87 noch entwicklungsfähig, und er hätte mit mir Geduld.

Last but not least: Wegen meiner Ungestümheit stehe ich zurzeit ständig im Konflikt mit meinem Umfeld. Da gibt es noch einiges zu begradigen. Ich arbeite an mir.

 

Und dass ich’s nicht vergesse: Mein Passbild im Personalausweis ist nicht mehr zeitgemäß.

Ich habe einen neuen Pass beantragt, darauf warte ich gerade.

Sie sehen, guter Herr Vollstrecker, ich bin gerade etwas unpässlich. Ich fühle mich jetzt ein wenig durch Sie überfordert.

Kommen Sie doch bitte ein anderes Mal wieder, dann nehme ich mir Zeit für Ihr Anliegen. Und rufen Sie am besten vorher an, das hätten meine Frau und ich gern.

Sie könnten aber bei Ihrem Vorgesetzten erreichen, dass das Sterben, wie ich finde, ein wenig reformbedürftig ist, so grau, blutleer, so trist, wenig attraktiv, ohne Musik, mediterranem Flair und gelockertem Ambiente. Da muss einfach mal ein bisschen mehr frischer Wind hinein.

Außerdem finde ich den Werbeslogan Ihres Unternehmens »Wer nicht kommt, wird abgeholt! «

ziemlich geschmacklos. Eine Einladungskarte mit Goldrand macht sich da viel besser, finde ich!

Das Krematorium sollte – mit Verlaub – nicht der Endbahnhof sein.

Viele Trauergäste und -gemeinden feiern und nennen volkstümlich das Begräbnisessen salopp „Fell versaufen“.

Damit ging der Schnitter wortlos und offensichtlich von mir enttäuscht von dannen.

 

Was Friedhöfe anbetrifft, gehe ich ab und zu dorthin und genieße die Ruhe und innere Einkehr.

Die Grabsteine sind für mich Ehrfurcht einflößend und erzeugen in mir eine Art ehrerbietiges, Gefühl.

Die Inschriften finde ich freilich ein wenig überholt. Statt „Freiherr von Bülow, ein immer standhafter Ritter“ oder „Ulf Leisetritt, königlicher Hofbäcker“ dürfte auch zeitgemäß stehen: „Hannes Jeschke, DJ und Freudenbringer“, und „Adi Guhl, Mädchen für alles, sagt euch tschüss!!“

 

Ich denke mir so, da wächst eine Gesellschaft heran mit immerwährendem Open-Air-Partyinstinkt, Smartphone in der Hand, mit interessanten Klingeltönen, Ohrhörern auf dem Kopf und mit den Gedanken des Checkens einer noch besseren Option in verschiedenen Bereichen, mit null Bock auf Friedhof. Das kann sich durch Lautsprechermusik, Girlanden und farbige LED–Lämpchenketten zum Aufhellen trister Atmosphäre durchaus ändern.

 

Diese Einstellung finde ich richtig:

 

„James, wieviel fahren wir?“

„Ten Miles per hour, Mylord.!“

„James, geben Sie noch fünf dazu, ich möchte dem Tod gelassen ins Auge sehen können!“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.