Beipackzettel

Mit dem Beipackzettel als unverständliches Mysterium für verschreibungspflichtige und nicht verschreibungspflichtige Medikamente ist es wie mit einer Gebrauchsanweisung für ein Gerät mit mikroelektronischen Prozessoren.

Der Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass man sich entweder freut, wenn das Gerät funktioniert oder sich ärgert, wenn es trotz wahllosen Drückens aller Knöpfe und Tasten nur ein schreckliches Krächzen und Schnattern von sich gibt.

Der Beipackzettel verunsichert und macht richtig Angst und Bange! Er beschreibt ausführlich, was alles eintreten, schaden oder auch sonst passieren könnte. Da wird einem beim Lesen so richtig klar und gezeigt, wie anfällig der Körper ist.

Nicht nur die Vorderseite eines ellenlangen Zettels ist bedruckt, nein, wenn man das mehrfach gefaltete Blatt endlich auseinanderklamüsert hat, sieht man auch noch eine voll kleingedruckte unüberschaubare Rückseite.

Ich gebe auf, das alles lesen zu wollen geschweige denn verstehen zu können.

Zum Arzt habe ich absolutes Vertrauen. „Das verordnete Medikament hilft dir!“ sage ich zu mir.

Ich freue mich, weil es so lange hilft, bis ich auf den Beipackzettel gesehen habe!

Dann ist es mit der Ruhe und mit der Zuversicht vorbei, das Wochenende im Eimer.

Hinzu kommt dann noch die sich stets wiederholende Werbung im Fernsehen, die ich für Männer ein wenig abändern würde zu:

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt und vor allem die nette hübsche Apothekerin von nebenan mit dem reizenden Augenaufschlag und einem Lächeln, das Steine zu schmelzen vermag!“

Wer fragt sonst schon seinen Arzt oder seinen Apotheker! Irgendwie erinnert mich der Spruch an eine Redewendung mit einer Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt.

Erstens verstehe ich die physiologischen Vorgänge beim Stoffwechsel in meinem Körper nicht, denn ich habe das Fach Medizin nicht studiert.

Zweitens ist es nicht „mein Apotheker“, und wenn er mein Leibeigener wäre, wie es das umgangssprachliche „mein“ andeutet, wäre er es garantiert nicht, weil ich nicht so förmlich und pedantisch sein kann wie er, und ich mich eher salopp gebe.

 

Jedes einzelne Organ kann mit Nebenwirkungen reagieren, die die Ursprungskrankheit wie ein Picknick wirken lassen. Die Beschwerden, die sich mit der Einnahme des Pharma-Produkts verbinden, treten demnach nicht nur „sehr selten“, „selten“, „gelegentlich“ oder „häufig“ auf. Manche treffen den wehrlosen Körper auch „sehr häufig“. Eigentlich, so legt der Beipackzettel nahe, ist das Medikament schon so etwas wie die Henkersmahlzeit in Pillenform. Aber meistens schluckt der Kranke es vermutlich trotzdem. Tapfer, fatalistisch, zu allem bereit.

Wahrscheinlich liegt der Sinn des Beipackzettels aber gerade darin, dass ich das Schlimmste erwarten soll. Dann die Überraschung: Das Schlimmste tritt nicht ein! Hinterher freut es mich umso mehr – auch wenn das Medikament am Ende gar nicht hilft. Hurra, ich lebe noch! Und das Leben ist so schön. Wahrscheinlich aber nur, weil es zu seinen Risiken und Nebenwirkungen keinen Beipackzettel gibt.

Ich höre viel lieber auf meinen Arzt, der mir empfahl: „Trinken Sie! Trinken Sie viel!“

Seit dieser Zeit ersetze ich morgens den Kaffee durch Glühwein, und der Tag wird lustiger.

Das Leben ist leichter geworden. Selbst Putin, Corona und inzwischen auch der Beipackzettel können mir nichts mehr anhaben.

Aus Zeitschriften erfahre ich viel mehr als aus Beipackzetteln, und vor allem, sind sie leichter zu lesen.

So mache ich mich schlau und es beruhigt mich, was auf den Gebrauchsanweisungen für Medikamente nicht steht:

„Gehen Sie in die Notaufnahme, wenn etwas ab ist, das dran sein sollte, wenn etwas drin ist, was draußen sein sollte, etwas sich bewegen lässt, was sich nicht bewegen lassen sollte oder, wenn es sich gar nichts mehr bewegt!“

Mit dieser Aussage kann man doch etwas anfangen und muss nicht erst irgendeinen Apotheker fragen.

Das Leben ist viel zu kurz, auch nur e i n e dieser Medikamente-Beschreibungen in voller Länge zu lesen. Vertrauen wir auf unseren Arzt und den lieben Herrgott!

 

Ich konsumiere also weiterhin tüchtig Medikamente. Aber nur deswegen, weil mir der sozialpolitische Aspekt durch die angespannte Lage der weltweiten Inflation so nahe geht, dass ich dazu beitragen möchte, Arbeitsplätze zu erhalten und die notleidende Pharma-Industrie zu unterstützen.

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