Käfer

Herr Schobermann musste ja nun auch mal in die Apotheke.

Ein Insekt, das ihn in den angeschwollenen Mittelfinger gestochen hatte, spielte Schicksal.

Der Arzt verschrieb „Zugsalbe“.

Trotz der Hitze waren noch um diese Zeit am Vormittag viele Leute unterwegs.

Die Warteschlange.gab ihm die Möglichkeit, Leute zu beobachten.

Fußgängerzonen bei gemäßigten Temperaturen sind ihm als Rentner am willkommensten.

Wenn er nicht seinen Gedanken nachhing oder ein Buch las, beobachtete er Leute.

Die weiblichen Apotheken-Angestellten hatten mächtig zu tun. Sie trippelten immer hin und her, um Waren aus dem hinteren Bereich des Hauses  nach vorn zu bringen , Rezepte zu kopieren

und Kreditkarten einzuscannen.

Die Laufstrecke hinter dem Tresen war an mehreren Stellen mittels eines Durchganges einsehbar.

Ein kleiner schwarzer Käfer lief quer über den Fußboden hinter dem Verkaufsbereich.

„Hoffentlch sieht ihn keiner“, dachte Her Schobermann und überlegte, wie er das kleine Insekt retten konnte. Er liebt nämlich Tiere.

Außerdem nennen Eltern in München ihre beiden Söhne, Schobermanns Enkel, liebevoll „Käfer“.

Das hin und her flitzende bedienende Apotheken-Personal verfehlte immer um Zentimeter den Käfer mit ihren Schuhen ohne Wissen um die Existenz dieses Käfers.

Herr Schobermann schwitzte Blut und Wasser und überlegte schon, zu sagen, man möge den um sein Leben laufenden Käfer doch retten. Lange hätte er das nicht mehr durchgestanden.

Die Erleichterung sah man Herrn Schobermann an, als der Käfer in einer Ecke verschwand und der Gefahr, platt getreten zu werden, entronnen war.

„Der Tag hat gut begonnen“, sinnierte Herr Schobermann und erinnerte sich dabei an seine Kindheit, dass männliche Mitschüler auf dem Schul-Pausenhof ein böses Spiel spielten, besonders mit Schwächeren oder Mädchen.

Sie nannten es Spiel, aber Schobermann fand das überhaupt nicht lustig.

Meine Mutter hat gesagt ¹), ich soll die [braunen oder schwarzen, je nach Schuhfarbe] Käfer tot treten“, riefen „die Bösen“ und versuchten, auf irgendeinen Schuh einer Mitschülerin oder eines Mitschülers zu treten. Die Mädchen rannten schreiend weg.

Schobermann verwunderte es, dass der aufsichtsführende Lehrer von Beschädigung kostbaren Leder-Materials sprach, und nicht von Belästigung, Nötigung und Körperverletzung.

In Schobermanns Schulzeit war alles knapp, Lebensmittel, Braunkohle, Seife und Schuhe. Alles gab es aufs Monatskarten-Abschnitte oder später auch „Bezugsscheine“. Die Reichsmark und die kleinen sowjetischen blauen Alliierten-Notgeld-Scheine waren vor der Währungsreform am 1. Juli 1948 so gut wie nichts wert.

Siebzig Jahre später tritt nach Schobermanns Wissen niemand mehr auf kleine Käfer.

Die weltweite Natur- und Umweltschutz-Kampagne hatte das wohl bewirkt.

An den Landungsbrücken warteten die Schobermanns auf die Fähre nach Finkenwerder.

In einem Restaurant-Bereich auf den Pontons pickten Scharen von Tauben und einige Spatzen

die Pommes oder andere Essensreste zwischen den Tischen und weiter davor auf.

Ein etwa sechs Jahre alter Junge trat immer wieder nach den zutraulichen Vögeln, die dann geschickt etwas weiter flatterten.

Der Junge verfehlte sie um Haaresbreite.

Bei Käfern hätte er jedes Mal einen Volltreffer gelandet.

Schobermann pfiff leise, machte den Jungen damit auf sich aufmerksam, hielt Blickkontakt mit ihm und hob den hin und her schwenkenden Zeigefinger. Sichtlich verschämt versteckte sich der Junge hinter einer Säule.

Es war rührend und unterhaltsam zugleich, wie der nach einer kleinen Weile seinen Kopf vorschob.

Mit einem Auge lugte immer wieder in die Richtung von Herrn Schobermann hervor , als wollte er sagen: „Ätsch! Jetzt kannst du mich nicht mehr sehen!“

* * *

¹) Bei Kindern beliebter Text-Anfang als „Freifahrtschein“ für eine Missetat.

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