e i g e n t l i c h und i m m e r h i n

Sprache ist was Wunderbares!

Auf alles sprachlich Herabsetzendes gibt es Ausgleichendes, Aufbauendes, fröhlich in die Zukunft Schauendes!

Schobermanns Cousine Ruth, eine energische, selbstbewusste, immer alles richtig machende, reglementierende, Andere stets maßregelnde Matrone, Geschäftsfrau par excelence, kam, sah und siegte, meistens unangemeldet.

„Eigentlich müssten wir uns mal wieder unbedingt sehen!“ war ihr familienfreundlicher Slogan.

„Ich habe für euch einen Tisch bestellt, oben beim „Imberty“. Ach, diese Aussicht! Ich beneide euch. Ich habe in Wolfach keinen Schlossberg so wie ihr in Freiburg!“

Damit meinte sie Schobermanns Schwester und deren Mann, Schobermann und seine Frau.

„Sind die Cousinen und der Cousin wieder mal zusammen!“ stellte sie befriedigt fest.

Schobermann freute sich. Hatte er sie doch länger nicht gesehen.

Sein letzter Besuch bei ihr war noch in Erinnerung.

In der gut gehenden Klinik Ruths in Wolfach steckte der betagte Vater von Ruth , im blauen Arbeitskittel gekleidet, auf dem Klinikhof seinem Neffen heimlich zwei Birnen zu.

“Stecke sie schnell weg, damit Ruth sie nicht sieht!“

„Seine Tochter kam dazu, misstrauisch betrachtete sie den Besuch. „Das passt uns jetzt aber gar nicht. Hier könnt ihr nicht bleiben. Vater, was hast du hier zu suchen und wieder angestellt? Geh an die Arbeit und lungere hier nicht herum. Hier ist überall Arbeit für dich! Eigentlich müsstest du mit deiner Arbeit schon fertig sein. Was hast du denn den ganzen Tag gemacht? Wohl gefaulenzt!“

Der greise Onkel von Schobermann ging gebeugt seufzend weg und nahm seinen Besen wieder in die Hand.

Herrn Schobermanns Frau wandte sich entsetzt um: „Hier sieht mich keiner wieder!“

Auf dem Freiburger Schlossberg erwartete die fünf Personen eine Kellner-Crew in grüner Uniform und geleitete sie zum reservierten Tisch mit Blick auf ein phantastisches Panorama.

Ruth erzählte wie ein Wasserfall. Sie freue sich „wahnsinnig“, ihre Verwandten zu sehen.

„Ihr glaubt gar nicht, wie ihr mir gefehlt habt!“ schmeichelte sie zuckersüß.

Unter nun folgenden an den Tisch gebrachten riesigen Silberglocken lag jeweils winzig verloren einer der Gänge als Appetitanreger.

Als die Rechnung kam, hatte Ruth eine kleine Ansprache parat:

„Ihr glaubt gar nicht, wie peinlich mir das ist.

Eigentlich geht das Essen auf mich. Heute Morgen hatte ich mein Portemonnaie noch.

Ich verstehe das nicht?

Was machen wir jetzt?

Nicht wahr, Helmut, du übernimmst die Rechnung!“ wandte sie sich an ihren Cousin.

„Ich überweise dir dreihundert D-Mark in den nächsten Tagen auf dein Konto!

„Ich mache das alles wieder wett. Ich habe zu Hause Geschenke für euch, eigentlich wollte ich die euch mitbringen. Sie sind schon eingepackt, aber heute konnte ich sie wegen meiner Rückenschmerzen nicht mitnehmen. Ich schicke sie euch allen nach!“

Noch heute warten Herr Schobermann und seine Schwester auf die LkW‘s mit den vielen Wagenladungen von Ruths versprochenen Geschenken und auf diverse Geld-Überweisungen.

Ein Portemonnaie hat noch niemand bei Ruth je gesehen. ¹]

Es gibt Menschen, die kommen so durchs Leben.

„Fasst sich doch einmal jeder an seine eigene Nase!“ denkt Herr Schobermann.

„Hat nicht jeder von uns mehr als einmal gesagt:

„Eigentlich wollte ich die Steuererklärung schon längst erledigt haben!

Eigentlich müsste ich unbedingt zum Internisten.

Eigentlich müsste ich wenigstens nachträglich zum Geburtstag gratulieren.

Eigentlich durfte ich die Jubiläumsfeier nicht versäumen.

Eigentlich müsste ich die alte Freundin Christel im Pflegeheim schon längst besucht haben wollen.

Eigentlich könnte ich mir den teuren Seychellen-Urlaub gar nicht leisten.

Eigentlich müsste ich schon längst eine Gehaltserhöhung bekommen haben.“

Von den berühmten sechs Gefragten „Wie viel sind zweimal zwei?“ antwortete der Börsenmakler:

„Der Wert könnte e i g e n t l i c h so zwischen drei und fünf liegen!“

Schobermanns kleine Enkelin Dana antwortete auf „Zweimal zwei“ mit: „Ei g e n t l i c h 4!“

mit ihrem verschmitzten Lächeln. Mit dem „Eigentlich“ lässt sie sich immer eine Option offen.

Wenn es nicht nach dem „Eigentlich“ das beruhigende ausgleichende Wörtchen „ i m m e r h i n

gäbe, man müsste verzweifeln!

Es entschärft das Eigentlich auf wunderbare Weise.

Herr Schobermann hat lange überlegt, bis er das richtige, ausgleichende Wort für „eigentlich“ gefunden hatte. „Andererseits“ und „allerdings“ lenken zwar auch ab vom Versäumnis, einem unentschuldbarem Aufschub, von einem Dilemma, einem Manko, dem der Vergesslichkeit Anheimgefallenen. Aber keines kommt an die Bedeutung von „immerhin“ heran.

Das „Immerhin“ macht eine Angelegenheit begütigend, entschuldbar, lässt eine Option offen, sagt, es ist nicht alles verloren, so schlimm ist es nun auch wieder nicht.

Schobermanns Professor sagte früher einmal in einer Vorlesung, nichts hasse er so sehr wie die beiden überflüssigen Wörtchen „e i g e n t l i c h “ und „u n b e d i n g t“!

Weil die Erwachsenen manches Mal vergesslich, weniger sparsam, weniger fleißig, weniger sorgfältig, weniger tolerant, insgesamt oft egoistisch, unzuverlässig und unzulänglich erscheinen und vielleicht auch den etwas bequemeren Weg des geringeren Arrangements vorziehen, gibt es das Wort „Gerechtigkeit“ in seiner idealen praktischen Anwendung nicht, obwohl die Menschen immer wieder nach Gerechtigkeit schreien. Sie ziehen das „Eigentlich“ vor , verschanzen sich dahinter und beruhigen so ihr Gewissen.

„Na, wie schön! Es gibt wenigstens das Immerhin!“ stellt Herr Schobermann erleichtert fest.

Das „Immerhin“ vermittelt, beschwichtigt und lässt im „Eigentlich“ noch eine positive Wertung oder gar Lösung erkennen.

Viele Leute gebrauchen ständig das Bindewörtchen „aber“. Auf alles deuten sie einen Einwand an. Einer von Schobermanns zahlreichen Enkel musste immer 10 Cent in die Familienkasse bezahlen, wenn er sein „Aber“ aussprach! Da kam allerhand Geld zusammen!

Bei dem, der eine Floskel ständig wiederholt, also bei zu häufiger Anwendung von

Woll‘n mal sagen…“ oder „Genau!“ „Allerdings!“ oder, „Ja, das stimmt!“ , „Übrigens…,“ ,„Mal kucken!“ und Möglicherweise!“, „Sag‘ ich doch!“ , Alles gut!“, „Besser ist das!“, „Schau‘n wir mal!“, „Es ist, wie es ist!“, „Da kannst‘ nichts machen!“, „Das kannst‘ haben!“, Na schön!“, „Im Prinzip schon!“, „Dumm gelaufen!“, „Gut zu wissen!“ , „Das kann i c h doch nicht wissen!“

erkennt Herr Schobermann eine gewisse Unsicherheit oder Angst, das falsche Wort im entscheidenden Moment sagen und sich den Mund verbrennen zu können.

* * *

¹) Anmerkung zum Schluss:

Ruth ist später, von ihren beiden Töchtern verlassen, auf Sozialhilfe angewiesen gewesen, wie ihr dementer Mann, einst Chefarzt und Besitzer einer Klinik, einsam in einem Dresdener Seniorenheim gestorben.

Die beiden Töchter haben das elterliche Vermögen in kürzester Zeit durch Luxusleben im Ausland durchgebracht.

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