Erfurt

Hommage an eine Stadt

Herr Schobermann reiste mit ganz neuen erlebten Eindrücken wiederholt in die Blumenstadt Erfurt.

Die Stadt hat er richtig lieb gewonnen.

Nicht deshalb, weil die Gruppe in Erfurt ansässiger Italiener in einem „ristorante“ nahe der Krämerbrücke erklärten, sie wollten nicht mehr zu ihrer schonen Amalfi-Küste zurück, sondern in Erfurt bleiben, weil ihnen das Flair der Innenstadt so gut gefällt.

Dem könnte sich Herr Schobermann, geboren 1935 in Halle an der Saale, anschließen, wenn er nicht 84 Jahre alt und mit einer sehr bodenständigen, heimatverbundenen Frau woanders verheiratet wäre.

Er erinnerte sich an einen Schulaufsatz, den er einmal schreiben musste, und den der Lehrer der Klasse vorlas. Der Titel hieß: „Was bedeutet für mich das Wort „Heimat?“

Abgesehen von immer wieder kehrenden Erinnerungen und zitternden Knien, wenn er seine

Heimatstadt ab seiner Flucht aus der DDR erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands

besuchte.

„Wo es mit gut geht, ist meine Heimat!“ – “ Wo es mir gefällt!“ hätte er hinzu setzen müssen.

Nicht so nett fand er die allgemein bekannte Redewendung: Wes(sen) Brot ich ess‘, des(sen) Lied ich sing‘!“. Wobei der Sitz des Arbeitgebers sich schwer in die Heimatstadt versetzen ließe, zumal dort ein generationenlanges anderes Polit- und Gesellschaftssystem herrschte.

Und jetzt? „Einen alten Baum soll man nicht mehr verpflanzen!“ erinnert er sich an eine andere Redewendung.

Blumen in allen Farben, umgeben von summenden Insekten, soweit das Auge reichte! Auf der Gartenbau-Ausstellung erfreuten Herrn Schobermann auch die ersten Dahlien , die wie Bommeln aussehen, wie Quasten aus Stoff als Verzierung von Kleidungsstücken, deshalb auch Pompon-Dahlien genannt. Schöne Bronzeplatiken, Sitzgruppen und Cafes, sogar ein riesiges Kinder-Schwimmbad und ein ebenso großer Kinderspielplatz, wie ihn Herr Schobermann so noch nie sah.

Schade, dass die Stadt einen Teil ihrer Fläche an die Sender KIKA und MDR verkauft hat, denn Erfurt wird 2021 Ausrichter der Bundesgartenschau sein.

Wer das Gelände des Vorzeige-Mini-Bauernhofes betritt, wird sich wundern, wie anhänglich die Ziegen sind. Sie sind so zutraulich, dass sie überall schubsen und schnuppern. Kaninchen hoppeln in Freigehegen.

Einen Tag muss man den Dom auf sich einwirken lassen, einen anderen Tag den riesigen Markt,

auf welchem der Sage nach auch schon einmal ledige Männer den Marktfrauen zum Kauf angeboten wurden. Klassische Schauspiele, aber auch Veranstaltngen der modernen Art, mit abendlichen Lichteffekten, wirken besonders mit der Dom-Kulisse im Hintergrund.

Sagen ranken sich auch um die vielen Figuren an den wunderschönen historischen Gebäuden, Göttinnen der Antike, Regenten , Rolande und Herolde aus verschiedenen Epochen. An Martin Luther und „seiner“ Kirche kommt man nicht vorbei.

Wer sich nicht für Geschichte und geschichtsträchtige Symbole interessiert, findet eine saubere

Innenstadt mit modernen leisen Straßenbahnen, vielen engen Gässchen mit überall gepflegten bunten alten Häusern und niedlich ausgestatteten kleinen Lädchen.

Lädchen mit Handwerkskunst und Lebensmitteln aus landeseigener Produktion.

Und es gibt in Erfurt immer noch Bürkles Getreidesirup und die vielen anderen Sirup-Arten zum Mischen für Salate, Süßspeisen und Getränke.

Bei Feldgieker, auch Feldkieker oder Fellkieker genannt, der „Kälberblase“, der Schlack- und der Knackwurst, da wurde Herrn Schobermann schwindlig über die unbekannten Namen in den Fleischerläden.

Die „Gelbwurst“,Hirnwurst, Kalbskäse oder Weißer Fleischkäse genannt, ist eine helle Brühwurst,

hatte er sich merken können.

Die Mettwurst ist nicht die, unter deren Namen eine Wurstart in Norddeutschland gehandelt wird.

Das ist im Norden die Teewurst. Die Fleischblutwurst hat ihre eigene, sehr feste Art.

Da kenne sich nun einer aus!

Einback, Kräbbel(chen,) auch Kräppel oder Kreppel; Mutzenmandeln, Knüppel, Hömchen, Quarkkeulchen. Hefe-Pfannkuchen mit Backpflaumen, Krapfen und Walnussbrot findet man in den kleinen Bäckerläden.

Amerikaner, Berliner, Kameruner, Mohrenköpfe und Negerküsse sagt man hier immer noch, ohne damit jemanden kränken oder diffamieren zu wollen.

Schobermann entdeckte Kunstglas- und Porzellan-Figuren , auch Holzspielzeug, handgearbeitet oder bei Glas mundgeblasen, alle aus heimischer Produktion,

Wer aus Schobermanns Generation erinnert sich nicht an die kleinen „Cartesischen Teufelchen“ in der Schule oder auf Märkten nach dem Kriege, die im Wasser auf- und nieder tauchten und tanzten. Hier wurden diese Erinnerungen wieder geweckt, indem man sie in der Flasche vorführte.

Der Holz-Kreisel mit manuell erfolgtem Antrieb, der am Anfang „normal“ drehte und schließlich auf dem Kopf tanzte und am Ende auf dem Kopf stand, war eine weitere Attraktion.

Eulen brauchte man hier nicht nach Athen tragen, denn es gab hier reihenweise genügend aus bemaltem Porzellan.

Jung und Alt , Muttis mit Kinderwagen, Studenten, Touristen aus aller Herren Länder wirkten als friedvolles Bild an den Ufern der Gera, in Grünanlagen oder in den Cafes.

Wenn eine schöne Frau ihr Kind auf ihrem Schoß wiegte, wusste Herr Schobermann gar nicht, wo er zuerst hinschauen sollte! Da wollte er wohl noch einmal Kind sein.

Überall freundliche, kontaktbereite Menschen. Ein Bild oder ein Erlebnis zum ständigen verweilen Wollen.

Die ansässigen Italiener, mit denen Herr Schobermann ins Gespräch kam, fühlten sich hier so wohl,

wie sie sagten, dass sie nicht mehr an ihre geliebte heimatliche Amalfi-Küste zurück kehren wollen.

Einer gab im witzigen Gespräch über Ausgaben und Steuern ungewollt einen Lapsus von sich:

„Mein Urin ist nicht mehr aufzuhalten!“ Natürlich wollte er „Ruin“ sagen!

Alle hörten in dem von Palmen umsäumten Cafe mit und lachten.

So etwas kann passieren, dachte sich Herr Schobermann.

Und es passierte ihm!

Als er sich von einer Stadtführerin verabschieden wollte, hatte er die Absicht, durch das viele Schauen neuer Eindrücke „Auf Wiederschauen“ zu sagen. Da die Dame aber „Auf Wiedersehen!“ sagte, antwortete er prompt mit „Na, dann aus Wiedersauen!“

Fest steht: Wenn die Gesundheit mitmacht, hat die schöne Stadt Erfurt Herrn Schobermann bald wieder!

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