Himmelsrichtung

Der gerade pensionierte Schobermann inzpizierte mit seinem Fahrrad die Schönheiten in der Elbmarsch. Es war warm, sonnig, und die Kibitze auf den Marschwiesen schreien um die Wette.

Auf einer Kreuzung von Wegen, die nur für den landwirtschaftlichen Verkehr frei gegeben waren, traf er auf einen Ex-Kollegen mit Viertklässlern, ebenfalls alle mit Fahrrädern, und stieg vom Rad.

Es war ein Genuss, zuzuhören, wie die Kinder wissbegierig ihre Fragen stellten, alle durcheinander.

 

Der Lehrer mahnte mit „Silentium!“ zur Ruhe.

„Herr Ferdinand, wo ist jetzt Osten?“

Allein das „Jetzt“ reizte Herrn Schobermann zum Zuhören.

 

Der so Angesprochene legte zunächst den Zeigefinger auf seinen Mund, steckte den Finger hinein und hob den Arm.

Andächtige Stille über die Erkenntnis, wie man mit dem nassen Finger  die Himmelsrichtung erforschen kann.

Der Lehrer: „Psssst!“

Nach einer Weile drehte er sich wie die Flügel einer Windmühle oder einer Wetterfahne:

„Merkt euch: „Der Wind kommt immer von Westen. Das ist die Wetterseite!“

Stolz überflog seine Miene, etwas sehr Wichtiges von sich gegeben zu haben.

 

Aber – wo war denn nun Osten?

 

„Nun, ihr habt ja zu Hause die Windrose gemalt. Wenn ihr wusstet, wo Westen liegt, dann hattet ihr anschließend den Osten im Blick, wenn ihr euch einmal umgedreht habt.“

 

Wundervoller Anschauungsunterricht beim so genannten „Wandertag“ oder Klassenausflug,

dachte Herr Schobermann.

Der Lehrer blickte hilflos zu seinem Ex-Kollegen, der in Richtung Elbe nickte, der ihn diskret flüsternd auf die Sonne hinwies, die ja mittags um 12 Uhr im Süden stehe.

Die Sonne war nicht zu übersehen.

 

Sein Kollege sah ihn zweifelnd an. Dessen Arme gingen zuerst in die Höhe, dann richteten sie sich wie der vitruvianische Mensch auf der klassischen Zeichnung von Leonardo da Vinci waagerecht aus. Schließlich drehte sich der Pädagoge mehrmals um seine eigene Achse bis zum Stillstand.

 

Schöner hätte der Schluss der Vorstellung nicht sein können!

Schobermann traute seinen Augen nicht.

Der Zeigefinger des Kollegen verschwand wie bei einem Ritual wieder in Mund, blieb darin einige Zeit und reckte sich dann in die Höhe.

Die Schüler waren hingerissen von dieser Vorstellung und hatten offene Münder.

Sie müssen etwas ganz Mystisches, Zauberhaftes erfahren haben.

 

Schobermann machte, dass er wegkam und stieg erst von seinem Rad, als er weit weg hinter einem Busch Deckung fand.

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