Fehlschaltung

Fehlleistungen des Gehirns unbewusster Art treten durch einen Mangel von plötzlichem Konzentrationsverlust auf.

Dazu gehören auch in der Sprache die lapsus linguae, die sogenannten Versprecher.

„Da Sprache ein soziales Phänomen ist, lernen wir den Großteil einer Sprache in Echtzeit, im Austausch mit anderen Menschen.“ wusste Herr Schobermann aus Erfahrung.

„Ist da nicht jedem auch mal ein Versprecher passiert?“

Das konnte manchmal richtig peinlich werden, wenn er sich an einige Fauxpas seines Lebens erinnerte. Andere Leute bezeichnen solche Fehlleistungen gern als „Tritt ins Fettnäpfchen“

 

Es war Notzeit, Kriegszeit, Ende des Zweiten Weltkrieges, und die zugeteilten Lebensmittelmarken für Brot, „Nährmittel“ (Hülsenfrüchte-Samen, Grieß und Graupen und Mehl), Kartoffeln und 10-Gramm-Fett-Marken (Margarine) reichten zum Überleben nicht mehr aus.

 

Vieles wurde mit Eichel- und Kastanien-Mehl „gestreckt“.

Irgendwie war Brot für das Kind Schobermann etwas Heiliges.

An einem Arm des Mittelland-Kanals, auf dem wie auf der Saale wegen des Krieges längst keine Boote mehr fuhren, spielten die Jungen um Schobermann. Dort fühlten sie sich bei Fliegeralarm sicher.

 

Jeder hatte seine Bemme¹) in einer Brotschachtel mit.

Sie spielten am Wasser „Prällemännchen“, das bedeutete, sie ließen vorher gesammelte flache Steine so mit Schwung über das Wasser flitzen, dass der Stein möglichst viele Male „aufditschte“ und sich weiter auf der Wasseroberfläche fortbewegte.

Rekord waren Schobermanns Erinnerung nach 23 Male.

 

Plötzlich hatte er Hunger. Er hatte immer Hunger.

Er nahm sein Brot und wollte hineinbeißen.

Das Wasser war gerade spiegelglatt und gut für einen Wurf. Dummerweise hatte er den Stein in der linken und das Brot in der rechten Hand. Er holte weit aus und warf das Brot in den Kanal, biss dabei in den Stein.

Pfui Teufel, das tat weh!

Aber viel weher noch tat der Verlust des Brotes. Alle anderen Jungen lachten.

 

Heute wäre keiner auf die Idee gekommen, dem Brot nachzuspringen. Er sprang, wie er angezogen war. Die Jungen hatten ihren Spaß.

Triefend vor Nässe und zitternd vor Kälte, aber mit Triumph im Gesicht, weil er das kanalwassergetränkte Brot in der Hand hielt, hörte er sich an, was seine Spielkameraden zu sagen hatten: „Na, du wolltest wohl gern mal selbst ein Prällemännchen werden und wissen, wie sich das kalte Wasser anfühlt! Jetzt weißt du es!“

 

Buttermilch statt Frischmilch ins Milchkännchen gießen, um damit den Kaffee zu verderben, und jemandem versehentlich den Einkaufswagen in späterer Zeit zu vertauschen, waren im Verhältnis dazu noch harmlose Schobermannsche Fehlleistungen!

 

Da waren einige seiner gesammelten Versprecher schon peinlicher:

Mit seiner Mutter und seiner Schwester fuhr er zur „Kinderlandverschickung“ 1944 ins Allgäu.

Es war eine Freude, zum „Elfer-und Zwölferblick“ zu wandern. Seine Mutter musste ihn stets ermahnen, an nicht zu gefährliche Stellen wie an Abhänge oder an Geröllhalden heranzugehen.

„Pass auf, Helmut, dass du nicht zu nahe an die gefährliche Gehallröllde herangehst!“

 

Sein Lehrer wollte mit poetischen Worten die Rast auf der Lehrwanderung mit seiner Klasse beenden.

Es kam heraus: „Lasst uns jetzt in Horn brechen und aufstoßen!“

 

Während seiner Ausbildung für den Lehrerberuf musste Schobermann an Rollenspielen vor einem ausgewählten Gremium teilnehmen.

Er spielte den Innenminister und musste über bestimmte Aufgaben den Bundeskanzler an

sprechen: „Herr Kandesbunzler, wenn das Parlament das genehmigt, kann man aufatmen.“

 

 

Als Mitarbeiter einer Firma wollte sich Schobermann in späteren Jahren per Telefon mit der Zentrale verbinden lassen.

Er wurde fehlgeleitet und wurde mit der Direktorin verbunden.

„Verzeihen Sie, ich bin falsch verbunden. Ich möchte Durchfall 234, aber es klappt einfach nicht!“

Gemeint war das Wort „Durchwahl“, aber im Moment dachte er daran, dass er unbedingt die Toilette aufsuchen müsste.

 

In jüngster Vergangenheit kam es zu einem freundschaftlichen Gespräch mit Italienern im Garten einer italienischen Gastwirtschaft in Erfurt zur Corona-Zeit:

Ein Mitglied des Familienbetriebes, gebürtig an der schönen Amalfiküste, betrachtete Erfurt als seine neue Heimat.

„Aber jetzt, zu Corona-Zeiten, stecken wir tief im Urin, wenn nicht bald eine Überbrückungshilfe vom Staat gewährt wird.“ Gemeint war das Wort Ruin.

 

Kurz nach dieser Erfurt-Reise traf Herr Schobermann einen alten Bekannten vor der Sparkasse an. Sie unterhielten sich eine Weile und tauschten Erinnerungen aus.

Schobermann wollte „Auf Wiedersehen sagen, da kommt doch von dem anderen Mann “Auf Wiederschauen!“

Darauf nicht gefasst, verabschiedete sich Schobermann mit „Na dann, auf Wiedersauen!“

 

 

 

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¹) „Bemme“, mitteldeutsche Mundart für ein belegtes Brot, „Doppelschnitte“ oder „Doppelstulle“.

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