Abitur-Feiern

Abitur-Feiern 1953 in der DDR, 1955 in der Bundesrepublik , 1985 ,2015 und 2919 – ein Vergleich

 

Herr Schobermann hat ein buntes, bewegtes Leben hinter sich.

 

„Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen!“

 

hörte er auf der letzten Abi-Feier in einer Rede von vielen Dankeshymnen und Selbstbeweihräucherungen.

 

Abgesehen vom symbolischen Wert dieser Aussage könnte er mit seinen 84 im Realbereich der Aufforderung nicht mehr nachkommen.

 

Kann man Feierlichkeiten in verschiedenen Generationen und Jahrgängen überhaupt vergleichen?

Schobermann denkt, man kann, wenn man berücksichtigt, dass Sprache, Sprachgebrauch, Kultur,

Musik, Moral und überhaupt das Gesamtverhalten einer Gesellschaft oder die Form eines Gesellschaftssystems sich ständig verändern.

Eines bleibt bestehen: die Jugend rebelliert gern gegen die Erwachsenenwelt. Das verlangt die Natur des Menschen. Die Frage ist nur, „wie anständig“ die junge Generation das tut.

Herr Schobermann hat gerade über das Wort „Reife“ nachgedacht. „Reifeprüfung, Reifezeugnis“

 

R e i f e  des jungen Menschen, das ist aber so eine Sache. Mit dem Reifezeugnis in der Tasche

„stehet einem nicht die Welt offen“, wie es immer als Phrase gern geschrieben heißt oder mit Empathie gesagt wird. Bei den Feierlichkeiten wir den Abiturienten auch nicht gesagt,

dass das Leben immer ein Kampf ist, und dass sie sich vor „Schein- und Glitzerwelten“ vorsehen

sollten.

Haben sie gelernt, wie man mit einer Steuererklärung umgeht?

Wissen sie, was Herzensbildung bedeutet?

Kennen sie die gebräuchlichen Umgangsformen, die fälschlicher Weise mit guten Manieren

verwechselt werden? (Beispiele: eine Zeitung mit nassem angeleckten Fingern blättern, die einem nicht gehört.

Die oder den Daumen im Gespräch nach der Seite oder nach hinten zeigen, in Gesellschaft in den Zähnen stochern, aus der Suppentasse trinken oder den Teller in Brusthöhe halten, das alles ist verpönt. Der Lady unbedingt den Vortritt oder Platz lassen, und den Witz, den man kennt, nicht beim Anderen unterbrechen, denn weitere Zuhörer kennen ihn vielleicht nicht.)

 

Wie ordnen die jungen Generationen Werte und Normen in die Gesellschafts- und Verwaltungssysteme ein?

Wissen sie, dass bei vielen Naturvölkern der Spruch kursiert:

„ An der Erziehung und Menschwerdung der Kinder sind nicht nur deren Eltern  beteiligt, sondern ein ganzes Dorf.“

Das passt im übertragenen Sinn auch auf die moderne Industriegesellschaft., die in ihrer Komplexität auf die jungen Menschen einwirkt, ja einwirken soll.

Die junge Generation wächst in die Wohlstandswelt der modernen Industriegesellschaft hinein, ohne zu wissen, dass Alles einmal mühselig erfunden, wiederaufgebaut und erkämpft wurde.

 

Reife ist mehr, als ein Zeugnis zu erlangen.

 

Wie steht es mit der inneren Verwaltung der ethischen Werte, der Moral, dem Gefühl für Verantwortung, dem Toleranzdenken, aber in Grenzen, und was ist mit Herzensbildung?

 

„Die „Feuerzangenbowle“ und andere Filme über Abiturfeiern oder -klassen gaben meist eine unrealistische Darstellung des Gesellschafts- und Schullebens wieder.

Die Film-Genres als Komödien (?) wie „Hurra, die Schule brennt“, „Die Lümmel von der letzten Bank“ oder „Fuck you Goethe“ sollten lustig und witzig sein, aber sie gaben ernsthaft niemals Aufschluss über Erziehung und Bildung an den Schulen wieder. Sollten sie auch nicht.

 

1953 erlebte Herr Schobermann „seine“ Abiturfeier mit dem Lied des FDJ-Chores:

 

„Für den Frieden der Welt steht die Menschheit auf Wacht…

 

…Herrschaft des Volkes begann,

Pflüger die Erde bestellt!
Wer dieses Leben nie gewann,
kämpft für den Frieden der Welt.

He, du Kriegshetzer, mal‘ kein Gespenst an die Wand!
Du verbrennst in den eigenen Bränden.
Nimmt das einfache Volk sein Geschick in die Hand,
liegt die Erde in guten festen Händen.

„Herrschaft des Volkes begann…“

 

Ein zweites Lied folgte:

 

„Vorwärts und nie vergessen,

worin unsere Stärke besteht!

Beim Hungern und beim Essen,

vorwärts und nie vergessen:

die So-li-da-ri-tät!“

 

Ein nicht enden wollendes Lied! 10 Strophen! Und das hier ist der Refrain!

 

Ein extra von der Schulleitung her beorderter junger SED-Parteigenosse sang mit Inbrunst die Tenorstimme:

 

 

„Ami, Ami, Ami, go home,

spalte für den Frieden dein Atom,

sag‘ ade dem Vater Rhein,

rühr nicht an sein Töchterlein

Loreley, so lang‘ sie singt,

wird Deutschland sein!“   (<Refrain des Liedes: „Was ist unser Leben wert,

wenn allein regiert das Schwert…“

 

Demonstrativ holte einer der Abiturienten eine Schachtel „Chesterfield“, oder war es „Camel“? aus der Brusttasche. Die hatte er auf dem Schwarzen Markt in Halle an der Saale, auf dem Hallmarkt, für viele Reichsmark erstanden.

Wir knufften ihn, damit er die „Ware des Volksfeindes Amerika“ schnell wieder wegsteckte.

Danach sorgte die Schulleiterin für ideologische Schulung in Form der Hetzpropaganda aus

den Unterrichtsfächern „Politunterricht“„Agitation und Propaganda“ (genannt „AGITPROP“)

und die Nachricht, dass Adenauer und Eisenhower schon wieder Kartoffelkäfer über der DDR abgeworfen hätten, für Angstgefühle vor den Lügen und falschen Versprechungen der SED.

Nur Arbeiter- und Bauernkinder bekämen einen Studienplatz, die Anderen, natürlich Nicht-FDJ-ler,

Nicht-Arbeiter-und Bauernkinder, wurden in die Produktion gesteckt. Akuter Arbeitskräfte-Mangel erforderte wohl diese Maßnahme.

 

1955 . In der Bundesrepublik herrschte Notzeit, was besonders Kleidung, Lebensmittel und Wohnungen betraf. Das Geld war so etwas von knapp. Schobermanns Stundenlohn als Gedingeschlepper auf der Zeche Neukirchen-Vluyn in den Schulferien betrug 72 Pfennige.

Ein Brot kostete 42 Pfennige, das Brötchen 5 Pfennige, Zimmermiete 20 bis 30 D-Mark.

Ein Jahr 12. Klasse als Quereinsteiger im „westlichen“ Gymnasium. Prüfungsklausuren. Mündliche Prüfungen. Die Themen waren v o r h e r nicht bekannt. Man wusste nicht, welches Thema drankam.

Schobermanns Abiturfeier war trist. Kein Chor, keine Band, eine kurze Rede, schwarze Anzüge als Pflicht für die Abiturienten, die Mädchen in einfachen Kleidern, meist mit Pferdeschwanz- oder Bubikopffrisur.

Keine Tutoren, keine besonderen Ehrungen, nur ein Händedruck des Direktors, ein einfaches Blatt Papier al Zeugnis.

Und: Herr Schobermann bekam einen Kugelschreiber geschenkt. Einen Kugelschreiber!

Was für eine Sensation! Es war ihm, als hätte er einen Schatz bekommen.

So als wenn heute ein 18-Jähriger ein Laptop geschenkt bekommen hätte!

Oldtime-Jazz mit den Louis-Armstrong-All-Stars, „Struttin‘ with some barbecue“, Bill Haley, „Ich möcht‘ auf deiner Hochzeit tanzen“, der „Hufschmied-Blues“ und „Dreh dich nicht um nach fremden Schatten“ („Wenn es Nacht wird in Paris“) waren „in“. Alles möglich mit der kleinen „Single-Schelllack-Schallplatte mit 45 Umdrehungen“ auf dem Plattenteller des tragbaren Plattenspielers, zu kaufen für 4 D-Mark.

 

1985 , 30 Jahre später.

Die Wirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland boomte.

Auf der Abitur-Feier von Schobermanns Sohn, waren alle Eltern anwesend.

Die Tutoren überreichten die Zeugnisse. Besondere Ehrungen und Auszeichnungen gab es nicht.

Schlichte Rede des Direktors, einheitliche Fest-Kleidung, klassische Musik wie „Die Uhr“ von Carl Loewe, das war‘s.

Der Schatten der „Drogen-Ecke“ vieler Schulen hing wie ein Damokles-Schwert düster über der Feier. Trotz Hausverbotes fielen immer wieder Rockerbanden mit Motorrädern in die Schul-Pausenbereiche ein. Erst eine landesweite Polizeiaktion beendete diese Szene.

 

Schobermann erlebte die nächste Generation der Enkel 2017.

 

Die Tutoren umarmten ihre Schützlinge, kein Kleiderzwang, aber immer noch überwiegend feine Maßanzüge, überwiegend lange Kleider, dennoch lockere Atmosphäre.

Schüler parodierten oder witzelten über einige Lehrer in Gedicht- und Liedform. Es gab Auszeichnungen, Ehrungen, Geschenke in Form von Büchern. Klassische Musik und etwas englisch sprachliche Pop-und Rock-Songs wechselten sich ab.

Drei kurze Reden verschiedener Repräsentanten. Zeugnisübergabe durch die Tutoren.

Wer es witzig fand: Die meisten Abiturienten setzten sich nach der Feier Doktorhüte auf.

Schobermanns Enkel jedoch distanzierte sich von diesem Gebaren.

 

 

 

 

 

Die letzte Abiturfeier erlebte Herr Schobermann 2019 als Besucher in Eigenschaft als „angeheirateter Opa“.

 

Von 10:00 Uhr bis 14:00 Uhr dauerte die Feier. Vier volle Stunden! Wer hält so etwas aus, dachte er. Die Presse, die Schulaufsicht, alle fünf Elternratsvertreter, die Lehrkräfte, die Abiturienten selbst, die Vertreter der Stadt, alle bemühten sich auf Podium.

Bei jedem Vortrag wurde immer wieder langatmig gedankt. Sich selbst und seinen persönlichen Einsatz vergaß man dabei selbstverständlich nicht.

Der Schulleiter, die Koordinatoren, eine neue Spezies im Verwaltungsgefüge, und die Tutoren, alle einzeln, beweihräucherten sich gegenseitig. Der Schulaufsicht wurde gedankt, das hatte Herr Schobermann noch nie erlebt. Sie ist doch der Träger der Abiturprüfung!

Dem Elternbeirat 1, dem Elternbeirat 2, der Elternbeirätin 3, der Elternbeirätin 4, der Vorsitzenden des Schulelternrates und der First Lady, Bürgermeisterin der Stadt, mit Theaterrobe und großer Kette galten salbungsvolle Lobes- und Dankeshymnen. Sie alle vergaßen nicht, auf ihre Verdienste

ehrenamtlicher Art hinzuweisen.

Das Ehrenamt wurde in seiner Bedeutung sowohl im Allgemeinen als auch im Besonderen hervorgehoben, als sei es eine Heldentat. Die Lobhudelei machte bei einer Rednerin nicht einmal vor ihr selbst halt.

Herr Schobermann hatte das Gefühl, dass jede Person, die eine Rede hielt, denken musste:

„Es hat sich schon so viel wiederholt. Eigentlich ist ja alles gesagt. Aber deinen Senf musst du nun auch noch dazu geben! Augen zu und durch! Du hast es dir verdient!“

 

 

Zum Glück hatte die Schulaula einen Anbau mit Emporen, hinten und an einer Seite.

Gemütlichkeit wie auf einer Industrie-Messe: Prospekte zum Hineinschauen und Mitnehmen. Man stelle sich die Tragödie vor, es hätten einige Besuche keinen Platz mehr gefunden.

Alles, was an Lampen und Oberlichtern leuchten konnte, strahlte.

Die vielen zu Ehrenden, die auf die Bühne, oder besser, zum Rednerpodium zitiert wurden, erhielten Riesen-Blumensträuße, deren Kosten den Schuletat für das nächste halbe Jahr mager aussehen lassen könnten. Ein Blumenladen war nichts dagegen! Nur die Sekretärin stand wie ein begossener Pudel da: für sie war kein Strauß mehr vorhanden. Mit betretener Miene begab sie sich als Letzte auf ihren Platz. Pannen können passieren. Das gehört dazu.

 

Das Schöne, das Lustige:

Die Abiturienten schenkten ihren Tutoren Gegenstände mit Bezug auf deren Marotten und Schwachseiten aus dem Unterrichtsgeschehen, das Fragment einer im Chemie-Unterricht durch einen Knallgas-Versuch zerborstenen, verrußten Glasscheibe, einen übergroßen Rotstift für einen Lehrer, der an Korrekturen mit Rot so viel Freude gehabt haben soll, dass mehr Rot als Blau in einem Arbeitstext zu sehen war, ein Riesen-Heft, in welchem aufgeschrieben war, was die betreffende männliche Lehrkraft so im Laufe eines Schuljahres an Fauxpas-Bemerkungen von sich gegeben haben soll.

Die Kleingeschenke, angefangen bei der übergroßen Teetasse bis hin zum Löffel, der zwei Löffel- schalen hat, von der Strickwolle bis hin zur mit vielen Schul-Fotos bedruckten Küchenschürze

und einer Dunsthaube als Helm für Kochmuffel.

Das nahm und nahm kein Ende.

 

John Denvers Lieder wurden gesungen, begleitet von einer wie professionellen Schülerband, zum Teil abgewandelt auf das Schulleben zugeschnitten.

Das war, wie Herr Schobermann fand, gekonnt!

Dazu das abgewandelte „Wonderful World“ in „Schüler-Deutsch“, im Original von Sam Cooke:

 

 

 

„Don’t know much about history
Don’t know much biology
Don’t know much about a science book,
Don’t know much about the french I took…“

 

 

Alles hat seine Zeit!

 

Die illustre Schüler-Gesellschaft hat Spaß gemacht!

Alle Abiturienten stellten sich als eine große Familie dar, die sich abends und später noch treffen wollte.

Sie konnten es aber nicht verknusen, in humorvoller Art vorzutragen, dass für sie als Schülerbeiräte das Langweiligste der Schule die vielen Elternbeiratssitzungen waren.

Aber jeder soll es nun einmal so haben, wie er es einrichten kann.

Das gilt auch für gewisse Institutionen.

Die Freude am Leben darf nicht verloren gehen.

Wir leben nicht, um zu arbeiten, sondern wir arbeiten, um zu leben.

Also, öfter mal den Bauch einziehen! Was immer das auch bedeuten mag.

Schobermann weiß ein anderes Wort dafür: „Den Ball flach halten“ und bewusst und intensiv genießen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.