Verfahren – verlaufen – verirrt

Jeder hat sich schonmal verlaufen, als Kind, auf der Klassenfahrt als Schüler, im Urlaub am Gardasee, im Labyrinth des Irrgartens der Herrenhäuser Gärten oder sonst wo.

Verfahren hat sich Herr Schobermann mit Freund Eckhard jedes Mal am Frankfurter Kreuz, mal war die Skyline links zu sehen, dann wieder auf der rechten Seite, dann wieder links.

Letztens in der Erfurter Innenstadt, vom Navi-Gerät sechsmal immer wieder zur Großbaustelle Hauptbahnhof gelotst, und jetzt in Hamburg dies!

 

Schobermanns Volkstanzgruppe war eingeladen zu einem Jubilar im Hamburger Stadtteil Hummelsbüttel. Das betagte Mitglied, früher ein begeisterter Kanusportler, befand sich schon lange im wohlverdienten Ruhestand.

Einige von der Gruppe waren zum ersten Mal bei ihm zu Hause.

Sie bewunderten dessen verstecktes Anwesen in einem Waldgebiet, das wohl nur von Leuten erschlossen wurde, die von der Außenwelt abgeschottet sein wollten.

Die Straßen dort waren verwinkelt, endeten zum Teil als Sackgassen und hatten Namen wie Gerstenweg, Roggenweg, Seestücken, Timmkoppel, Haferweg, Distelacker, Grasweg, Unter den Linden, Rotbuchenweg, Grasnelkenweg.

 

„Eine Straße von denen ist es. Aber welche? Ein alter Wasserturm war in der Nähe…

Wartet, und ein Maisfeld war zu sehen.“

bemerkte Herr Schobermann, wie sich herausstellen sollte, leichtfertig.

 

Keiner hatte die Adresse von Heinz, denn alle kannten sich nur vom Vornamen her, mit Ausnahme von Karin, die Volkstanzgruppen-Leiterin, aber die war im Urlaub auf Mallorca.

Auf der Liste der anderen Mitglieder war Heinz nicht verzeichnet.

 

„Ich weiß, wo das ist!“ tönte Siegfried großsprecherisch.

„Ich würde den Weg dahin im Schlaf finden!“ ein anderer. Die Sievertsche Tongrube ist in der Nähe!“

Schobermann vorsichtig: „Ich war auch schon mal da. Schwer zu finden!“

„Na seht ihr, da kann ja nichts schief gehen!

„Werden wir durch eine Ampel getrennt, halten die vorderen Versprengten am nächsten Restaurant oder einer Tankstelle.“ ordnete Karl-Heinz an.

Das hörte sich zunächst einmal gut an!“ dachte Herr Schobermann.

Aber dann bahnte sich sein Verhängnis an.

 

„Ihr fahrt alle im Konvoi hinter Helmuts Wagen her, der ist unser Lotse.“

„Was fährt denn Helmut für einen Wagen?“

Na. so‘n lütten Hotschefidel. Ihr erkennt Helmut an seinem Hinterkopf!“

„Nachtigall, ick hör die trappsen!“ erinnerte sich Herr Schobermann. Nun haben sie mich mal wieder zum Bock für den Gärtner gemacht!“¹)

Die Frauen hielten sich weitgehend zurück. „Pfadfinder spielen ist Männersache!“ sagte eine von ihnen.

Natürlich blieben die Autos nicht zusammen.

An der nächsten Gaststätte wartete niemand.

„Die sind einfach vorbeigefahren!“ mutmaßte man richtig.

An einer der nächsten Kreuzungen fanden sich alle wieder.

„Helmut! Du musst besser auf uns aufpassen!“

 

Wie sie es alle geschafft hatten, in die Nähe dieses Rand-Waldgebietes zu gelangen, wirkte auf Herrn Schobermann wie ein Wunder. Von einem Wasserturm oder einer Tongrube war freilich nichts zu sehen.

„Da hinten ist ein Haus. Da fragen wir mal nach!“

Es war nicht das alte Haus von Rocky-Docky, aber in keinem guten Zustand und vor allem -verlassen.

 

„Soll ich schon mal die Hähnchenkeulen auspacken?“

„Wenn du hier in der Wildnis im Freien essen willst, bitte!“

Ein Wort gab das andere! „Wir haben Hunger! Helmut, wohin hast du uns geführt?“

„Ich rieche einen Sportplatz in der Nähe!“

„Hat denn keiner einen Stadtplan mit? Oder wenigstens einen Kompass!“

Hatte keiner.

„Wer wollte denn in diese verlassene, lausige Gegend, am A… der Welt? Ich doch nicht!“

„ Nach j.w.d.²), ich auch nicht!“ „Ich auch nicht!“ So tönte es reihum.

Nach einem kleinen Fußmarsch kamen einige Häuser in Sicht !.

Ein kleiner Frisiersalon hatte die Tür offen.

 

Der Friseur wirkte auf Herrn Schobermann wie ein Derwisch, kleinwüchsig, gebeugt, immer in Bewegung, mit einer Fistelstimme, bis zu den Beinen spirrelig.

„Wir suchen einen Heinz! Den Nachnamen wissen wir nicht!“

„Ich kenne viele Leute, die Heinz heißen.

Da müsst ihr schon mit dem Nachnamen oder der Adresse kommen!“

 

Verzweiflung machte sich unter den Suchenden breit.

 

Ein alter Seebär mit Tätowierung auf der breiten Brust und einer Pfeife im Mund kam auf Hausschuhen daher geschlurft. Dem Adi müsst ihr nicht böse sein. Der meint das nicht so. Der hat nur Angst vor Einbrechern. Zu wem wollt ihr denn?“

„Zu Heinz, dem Kanusportler!“

 

„Ach der Heinz! Warum sagt ihr das nicht gleich? Den kennt doch jeder!

Wenn der mit seinem Kanu im Isebekkanal schwimmt, steigt am Fischmarkt in Altona der Wasserpegel um zwei Meter!

Der wohnt gleich da buten um die Ecke. Könnt ihr nicht verfehlen!“

 

Schobermanns Truppe holte das mitgebrachte Geschirr, die Salatplatten und Getränke aus den Autos.

Heinz empfing die alte und neue Crew überschwenglich. „Mit euch hab‘ ich ja überhaupt nicht mehr gerechnet!“

Schobermann, ermattet von der Suchtour, nahm wie die anderen erst einmal auf der Terrasse Platz.

 

„Wisst ihr, was ich jetzt möchte?“

 

Einige kannten sein früheres Hobby: „Briefmarken sortieren!“ kam leise aus dem Hintergrund!

„Zu Hause sitzen und Briefmarken sortieren!“  Jemand von euch hat mir das Wort aus dem Mund genommen!“

 

Es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, sich in diesem verwinkelten Waldviertel nicht zu verfahren oder zu verlaufen, vertraute zum Trost später ein Familienmitglied von Heinz Herrn Schobermann an.

 

 

*   *   *   *

1) Die Redewendung „Den Bock zum Gärtner machen“ bedeutet, dass jemandem eine Aufgabe übertragen wird, der dafür völlig ungeeignet ist. Schlimmer noch: der das Gegenteil von dem bewirkt, was er eigentlich erreichen soll!

 

²) berlinisch: janz weit draußen – ganz weit draußen, vor der Stadt.

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