Reihenhäuser

Alle Reihenhäuser in Wentorf sehen gleich aus, von vorn wie von ihrer Rückseite.

Ich hatte viel auszupacken und vom Parkplatz aus  einen langen Fußweg mit einer  Sackkarre, vier Eimern voll Kieselsteinen, einem Wäscheständer, einer großen Flasche Füssig-Waschmittel und einem Sack Kartoffeln zurückzulegen, und das natürlich mehrmals.

Die Anstrengung und die schwüle Wärme versetzten mich in eine Art Erschöpfungszustand,

so dass ich die Mitbringsel fürs Erste im rückseitigen Gartenbereich hinter Büschen und Bäumen absetzte, froh darüber, die Terrasse  des Hauses erreicht zu haben.

Von innen vernahm ich Stimmengewirr, wusste ich doch, dass meine Gastgeber Besuch hatten.

Auf die Überraschungsbegrüßung war ich gespannt, lehnte mich zurück und schloss die Augen.

Die Grillkohle glühte, der Tisch war festlich gedeckt.

Ein mir unbekanntes etwa 12 Jahre altes Mädchen stand plötzlich in der Türschwelle:

„Was wollen Sie hier? Wer sind Sie?“

In der Annahme, es sei eine Besucherin, sagte ich lächelnd: Hallo, ich bin doch der Opa!“

„Sie sind ein Lügner!“ rief das Mädchen zornbebend. „Sie sind nicht mein Opa!“

Darauf ich: „Du hast Recht. Ich bin der Opa der Kinder hier im Haus und wie du ein Besucher.“

Sie lügen schon wieder! Sie sind sicher ein Hochstapler“. Indes kam ihre Mutter und sprach mich in einer fremden Sprache, ich glaube, es war Polnisch, an.

Ich verbesserte mich: „Natürlich bin ich nicht der richtige Opa, sondern ein angeheirateter!“

Und zur Mutter gerichtet: „Sehen Sie. meine Frau ist die richtige Oma der drei Kinder hier im Haus, und ich bin jetzt ihr Mann, weil sie wieder geheiratet hat!. So ist das. Ganz einfach! “

Zwei bärtige Männer mit einer Figur von Bären traten in die Szene.

Einer hatte ein Flasche Wodka in der Hand.

„Nun mal keine Panik, der Herr, wir werden uns schon einigen!“

Der mit der Flasche und zwei Gläsern in der Hand schenkte mir und sich einen Wodka ein. „Kommen Sie, auf den Schreck wollen wir erst mal einen trinken. Sie haben es sich verdient!“

In diesem Moment war mir klar geworden, dass ich mich in der Adresse geirrt hatte. Ich hätte wissen müssen, dass sich  meine  wirklichen Gastgeber im Ramadan befinden, weil sie streng gläubige Moslems sind.

Und dann: „Na auf einem Bein kann man doch nicht stehen!“

Ich wollte erwidern: „Bin Diabetiker“, brachte aber in Anbetracht dieser peinlichen Situation kein Wort heraus, außer Na Sdarowje.

Die Männer lachten über mein Russisch und konnten sich nicht mehr beruhigen.

Der andere Mann war frech: „Machst du Bekanntschaften immer so?“

Mit vielen Entschuldigungen verabschiedete ich mich und rannte über die Wiese zur endlich richtigen Terrasse. Nicht ohne noch zu erwähnen, dass ein Kind gegenüber Fremden ein gesundes Misstrauen zeigen sollte.

Nach einer halben Stunde des Erholens vom Schock stellte ich fest, dass ich meine Tasche mit Papieren und Geld „drüben“ hatte liegen lassen.

Was blieb mir  als ein „Bußgang nach Canossa“ übrig?

Die beiden Männer waren beschwipst oder mehr als das, denn die Flasche war inzwischen halb leer.

„Kommst du schon wieder, Briederchen, wir chaben noch Wodka, echter aus Danzig.

Kennst du Danzig?“ Dummerweise bejahte ich diese Frage:

„Ja, ist denn das die Meeglichkeit, du kennst Danzig?“

Ich hätte nicht sagen dürfen, die guten Restaurants in der Altstadt, das Krantor, den Neptun-Brunnen, das Goldwasser!“

Wieder aufs Neue kreiste die Flasche.

Eine der Frauen lachte mit  und gab mir meine Tasche. Nur das kleine Mädchen verzog weiter keine Miene und betrachtete mich nach wie vor als einen lästigen Eindringling, der den Grill-Frieden der Besucher und ihrer Familie aufs Empfindlichste  gestört hatte.

Die Männer konnten sich vor Lachen nicht einkriegen. „Und wer fährt jetzt?“ fragte einer in unverschämter Weise.

„I c h  natürlich! Wer sonst?“ Ich machte, dass ich wegkam, Das Lachen hallte noch lange hinter mir her.

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