Orangerie

Herrn Schobermanns ganze Liebe gilt dem Garten. Er war dabei, eine „Orangerie“ zu errichten, wie sein Sohn in üblicher humorvoll-kaberettistischer Weise ein „Treibhaus“ formuliert.

Herr Schobermann wusste gar nicht, wie schwer es ist, ein Gewächshaus aufzustellen.
Die Alu-Rohr-Konstruktion sah schon mal schick aus, glänzte silbern in der Sonne und machte dem Konstrukteur Mut, an die Sache heranzugehen.
Die Zeichnungen fand er hervorragend!
Ein Supertalent, der sich so etwas ausdenkt, dachte er.
So etwas können nur Männer.
Sie setzen allerdings voraus, dass ein Junge schon mit Links- und Rechts-Schraubgewinde-Verständnis auf die Welt kommt.
Man muss dazu sagen, dass die Reduziergewinde in der Anleitung überhaupt nicht erwähnt waren.
„Das lerne ich nie!“ gab Schobermann eine Vorahnung ein.
Gelernt hatte er:
Punkt 1: Ruhe bewahren.
Punkt 2: Tief durchatmen!
Punkt 3: Erst mal ein Bier holen.
Punkt 4: Nicht auf die Ehefrau hören, die neugierig das Konstruktionsgelände betritt und zu allem Grundübel beiläufig erwähnt: „Du kannst es ja auch zurück schicken!“

Auffällig war, dass manche Endstücke gar kein Gewinde hatten. Und als Steck-Anschluss passte nichts.

Dann las er:
„Teil 5 A, Nr. VIIb 3 muss an das Teil XI C, III f 15.angeschlossen werden.“
Jedoch passte die Reduziermuffe nicht an den Verbindungsflansch, weil der dazu gehörige Stutzen G XI 2Dh seitlich offen und unten zu war.
Einen Nippel hat Schobermann zwar durch eine Lasche gezogen, die seitlich an einer Rohrverbindung befestigt war. Da erschien aber kein grüner Pfeil, den man auf Wunsch hätte drücken können, damit alles magisch ineinander passt.
Die gesamte Aluminium-Konstruktion fiel immer wieder zusammen. Und nicht, weil eine Straßenbahn vorbei fuhr, die den Untergrund hätte erzittern lassen können.¹)

Im übrigen waren jede Menge „Nupsies“ übrig geblieben. Dafür fehlten Schrauben und Metallringe. „Nupsie“ ist für Herrn Schobermann die einfachste Art, einen undefinierbaren Gegenstand im Kleinstformat zu benennen.
Beruhigend war, dass eine Eisensäge parat lag.
„Was nicht passt, wird zersägt!“ hörte er häufig in Fachkreisen. Ein Laie hätte bei der Besichtigung denken müssen, das musste alles so sein. Ein Fachmann hätte ihn mit großen Augen angesehen und seine Frage gar nicht stellen können.
Schobermann wäre ihm mit den Worten zuvor gekommen:
„Bin ich Konstrukteur oder Bäcker oder was?
Sehen Sie selbst: Auf der Beschreibung sieht das alles so leicht aus!“

Wie überall in unserer Wohlstandsgesellschaft gibt es unter Enkeln eine Kategorie, die lässt machen, und eine Kategorie, die geht zur Hand. Andere nehmen Anteil an ihres Opas Pionierarbeit, wenn sie gerade zugegen sind, sehen nach dem Rechten und klopfen dem Opa auf die Schulter mit der Bemerkung:
„Opa, du machst das schon!“. Einer von seinen 14 Enkeln sah sich die Sache an, suchte sich aus dem Werkzeugkasten-Repertoir der Ring- und Maulschlüssel, des Vorschlaghammers, der Kombizange, eines Engländers und eines Franzosen²) das richtige Werkzeug aus und hatte binnen 15 Minuten das Aluminium-Gerüst aufgestellt.
Er war es auch, der dem Rasenmähroboter Leben eingehaucht hatte, so dass der nun immerzu läuft, besonders nachts bei Vollmond, obwohl die Schobermanns dem Roboter ein Nachtleben aus moralischen und prinzipiellen Gründen nicht erlaubt hatten.
Technik ist eben was Feines, wenn sie funktioniert oder man damit umgehen kann!

* * * *

¹)Witz mit dem Kleiderschrank.
Eine junge Frau hatte sich in Abwesenheit ihres Mannes in einem bekannten schwedischen Möbelhaus einen Kleiderschrank gekauft.
Da dieser sehr preiswert war, wurden die Einzelteile, als Paket verpackt, geliefert.
Für die Frau erwies sich der Zusammenbau als seht schwierig.
Immer, wenn sie ihn brav nach Anleitung aufgebaut hatte , fiel der Schrank in sich zusammen, wenn eine Straßenbahn am Haus vorbei fuhr und das ganze Haus erzitterte.
Sie bat ihren Nachbarn, einen jungen Mann, um Hilfe.
Der hatte keine Mühe , den Schrank zusammenzubauen.
Allein wenn eine Straßenbahn vorbei fuhr, fiel auch bei ihm der Schrank immer wieder zusammen.
Schließlich hatte sie eine Idee: Er solle mit einer Taschenlampe in den Schrank hineinsteigen und so am besten die Instabilität feststellen.
Sie würde solange die Schranktür schließen.
Gesagt, getan.
Plötzlich kam der Ehemann überraschend vorzeitig nach Hause.
Er wunderte sich über den neuen Schrank, ging auf ihn zu und öffnete die Tür.
Heraus kam der Nachbar.
Der entrüstet-verwunderte Ehemann: „Was machen Sie denn hier in meinem Schlafzimmerschrank?“
Darauf der so Angesprochene:
„Sie werden‘s mir nicht glauben, aber ich warte auf die Straßenbahn!“

²)eine altherkömmliche Bezeichnung für bestimmtes Werkzeug.

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