Blick zurück eines – nicht vom Leben verbitterten – älteren Herrn

Die Gesellschaft in den wohlhabenden und besonders dichtbevölkerten Industrieländern hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht allein durch Automatisierung und Digitalisierung total verändert.

Alle Menschen sind neugierig auf Vielfalt (Vielfältigkeit) und stellen dabei ihr eigenes Ego in den Vordergrund. Vielfalt können besonders Senioren nur schwer ertragen. Sie müssen oder wollen die Vielfalt ja auch seelisch verarbeiten können.
Gleichzeitig möchten sie Vergangenes aufarbeiten, denn das Vergangene, das Gefühl einer Nostalgie, haftet ihnen an. Dabei tun sie sich schwer. Sie vergleichen Vergangenes mit der Realität und glorifizieren dabei das Märchenhafte, das nicht Dagewesene, auch die Enkel, von denen sie sich nur an deren „Schokoladenseite“ erinnern wollen und an das denken, wie es nicht war.

Die Realität und der Alltag erscheinen den älteren Menschen oft trist und grausam, wenn sie in ihrer „kleinen Welt“ geruhsam verweilen möchten, wo das mit der Hektik der Realität nicht zusammen pass

t.
„Der Puls der Zeit“, wie rasende Reporter in dieser Phrase die Anforderungen an das bezeichnen, was die moderne Welt und die Jugend an die Älteren und Senioren heranträgt, weil die Jugend mit ihr klarkommen muss und dabei die Alten „überholt“, bei denen dabei das unbestimmte und undefinierbare Gefühl der Unsicherheit erzeugt wird, unverstanden zu sein und im Leben einiges versäumt zu haben. So trauern die Älteren im Vergleich zu den Jüngeren oft versäumten Vergangenem nach.

Die Jugend geht ihre eigenen Wege. Sie braucht die Großeltern-Generation nicht. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Unsere Kinder haben ihren eigenen Lebensstil und wollen ihren inzwischen betagten Eltern hineinreden. Das können sie , wenn die Eltern dement geworden sind. Eltern und Großeltern können weder Liebe erkaufen noch das Interesse der Jüngeren auf Dauer an sich binden. Die Alten brauchen die Enkel, weil sie sie aufwachsen sahen und dabei viel mit ihnen erlebten.

Niemand kann alles haben. Der Mensch ist so angelegt, dass er immer Wünsche haben wird, solange er Freude am Leben empfindet. Die Erfüllung der Wünsche gebiert immer neue Wünsche und Sehnsüchte. Im Gegensatz zur rastlosen Jugend fühlen sich die Senioren oft allein und allein gelassen. Das erzeugt in ihnen Unzufriedenheit und ein Gefühl der Enttäuschung.

Wenn ich nun dabei von mir ausgehe und dabei auch die Menschen meines Umfeldes betrachte, so erkenne ich, dass wir allen anderen gegenüber oft ungerecht sind und diese Ungerechtigkeit und unsere eigene Unzulänglichkeit an anderen, unbeteiligten Dritten, auslassen. Es kann dann passieren, dass wir diesen wehtun.

Hinzu kommt unsere Erwartungshaltung. Es ist uns bekannt, dass die frohe Erwartung immer schöner ist als ihre Erfüllung, oder besser gesagt, „was danach kommt“, weil nicht alles so läuft, wie wir es uns vorgestellt haben.

Es gibt Menschen, die Angst haben und in Unsicherheit leben, weil sie glauben, die Erwartungen anderer nicht erfüllen zu können. Das führt oft zu Missverständnissen und Zerwürfnissen. Daran sollten vor allem die Älteren nicht verzagen, wenn sie den Jüngeren nicht gerecht werden. Diese Jüngeren können schließlich nichts dafür, dass sie in die Wohlstandsgesellschaft hineingeboren wurden.

Im Grunde unseres tiefsten Herzens sind alle Menschen für sich allein und allein für sich als Erwachsene verantwortlich. Das wollen sie nicht immer wahrhaben, weil sie die Gedanken dieser Erkenntnis und des Alleinsein-Müssens ungern ertragen können.
Fügen wir Älteren uns bei allem Toleranzdenken in Geduld, ergeben wir uns in Dankbarkeit, Demut und Bescheidenheit und erfreuen uns an den wenigen gemeinsamen Freuden, die uns bleiben in unserem geliehenen Leben.

Helmut Franke, Stelle im März 2020

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