Liebeskummer

„Heimweh und Liebeskummer sind schon schlimm, aber der Durscht ist am schlimmsten!“ sagt man in Bayern, wenn man nichts zu trinken bekommt, wo man es erwartet. Als noch immer lebensunerfahrener Endsiebziger gebe ich den Bayern recht, füge aber ein, dass erlebte Unzuverlässigkeit „ohne übergeordneten Notstand“ und quälende Ungewissheit die schlimmsten Momente im Leben gewesen sind.

Cindy ist 17 Jahre jung, geht zur Schule und ist ein ganz patentes Mädchen. Sie steht mit ausgesprochen schönen Beinen im Leben. Ihr fröhliches offenes Lachen steckt alle Leute an, mit denen sie so zu tun hat. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Ihre erste kleine Filmrolle hat sie schon – „ganz so nebenbei“ – hinter sich.

Damit ist es vorbei. Über Nacht ist aus der fröhlichen jungen Frau ein Häufchen Elend geworden. Das erneute Filmcasting hat sie geschmissen, und für die Schule hat sie sich krank gemeldet.

Ganz behutsam fragte ich sie, was passiert sei. Nach wenigen Worten wurde klar: Cindy hat Liebeskummer – und zwar ganz schlimmen. „Es war alles so himmlisch, märchenhaft, zauberhaft, und jetzt tut es so weh. Ich könnte den ganzen Tag heulen und finde mich nicht mehr wieder. Ich möchte sterben!“ klagt sie leise und versteht die Welt nicht mehr.
Es tat ihr gut, ihren Herzschmerz auszusprechen. Sie wähnte sich im Paradies, wurde unsanft vertrieben und geht jetzt durch die Hölle. Hallo, dachte ich, diese Erfahrungen kennst du doch. Himmelhoch jauchzend, Tage und schlaflose Nächte voller Bangen und Hoffen, dann zu Tode betrübt: Verändert hat sich seit gefühlten Ewigkeiten nichts. Liebeskummer ist auch weiterhin die Höchststrafe des Seelenlebens.
Ich hörte Cindy zu und dachte mir meinen Teil. Trost und gute Ratschläge halfen da wenig. Sie wird wieder aus der Krise herauskommen, und zwar ein Stückchen reifer, da bin ich mir sicher. Mädchen, Du wirst dich später noch ein paar Mal verlieben, aber das Happy End ist nie garantiert.
Aber das habe ich ihr natürlich nicht gesagt.

Als ich mit meiner Ehefrau darüber sprach, wie Leid mir Cindy tut, winkte sie ab: „Du machst dich aber immer und überall wichtig und zum Seelendoktor! Hast du nichts anderes zu tun?“ Als Wichtigtuer komme mir nun wirklich nicht vor, aber wie eine von Loriots Comic-Figuren, ein Ehemann, der im Wohnzimmer ruhig im Sessel sitzt und seinen Gedanken nachhängen will. Aus der Küche ertönt bei Loriot eine weibliche vorwurfsvolle Stimme: „Kannst du dich denn nicht mal mit irgendetwas Vernünftigen beschäftigen?“ ein, ich w i l l mich nicht beschäftigen! Ich sinniere darüber, wieso ausgerechnet ich bei meiner Physiotherapeutin, bei meiner Schwester, bei der ältesten Tochter meiner Frau, bei einer medizinisch-technischen Assistentin in der Praxis meines Hausarztes und bei einer werdenden Mutter in der Therme des Midsommerland-Bades immer wieder der Beichtvater bin. Die ausschließlich von Männern abfällig gebrauchten Spitznamen „Frauenversteher“ und „Bachelor“¹) möchte ich mir nun wirklich nicht einhandeln!

Anmerkung:

¹) Bachelor ist hier nicht im ursprünglichen Sinn gebraucht, sondern eine Macho-Figur
in einer TV-Show eines privaten Senders , in der nach einem subjektiven Auswahl-und
Mobbingverfahren in jeder Sendefolge ein Model beim „Casting-Wettbewerb“ ausscheiden
muss.

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