Zwanzig Marmeladengläser

Auf der Fahrt von  Winsen nach Erfurt 2020 konnte Herr Schobermann als Beifahrer seinen Chauffeur  am „Sekundenschlaf“ hinter dem Steuer  hindern, indem er ihn unterhielt.

Herr Schobermann hatte sich vorher die Mühe gemacht, auf 10 Din-A4-Seiten alle bisherigen 50  Rundfunk- und Fernseh-Sport-Moderatoren, -Kommentatoren und  -Reporter von 1950  bis 2020 mit ihren denkwürdigsten Sprüchen und Versprechern zu notieren und sie während der Fahrt  als witzige Unterhaltung mitzuteilen.

Während sich der Vortragende   zum Teil ausschüttete vor Lachen über die zum Teil ungewollte Komik der Reporter, war er keineswegs enttäuscht über die unbewegte, fahr-konzentrierte Miene seines Nebenmannes.

„Alles eine Frage der Mentalität!“, dachte er.

Um die Spannung hochzuhalten, begann Herr Schobermann  mit dem Versuch der Imitation  von Herbert Zimmermanns emphatischer Stimme:

„Toni, du bist ein Teufelskerl!“ während des legendären Fußball-Weltmeisterschafts-Endspiels 1954, dem 3:2 gegen Ungarn im Berner Wankdorf-Stadion.

Über Carmen Thomas‘  lapsus „Schalke 05“  und Heinz Mägerleins „Tausende standen an den Hängen und Pisten!“ bis hin zu Edi Fingers  „Abbusseln könnt‘ ich ihn, den Hans Krankl !“ (Der schoss da Siegestor der Österreicher gegen Deutschland 1978 in Cordoba) kamen alle dran.

„Meeeeeeeeeensch!  Wo wollen die bloß alle hin!“ unterbrach Eckhard seinen Unterhalter. „Diese endlose Schlange Lkw‘s  müsste für die Benutzung der Autobahn verboten werden! Die halten uns auf und blockieren den Verkehr ja regelrecht! “

Am Berg krochen die Brummis förmlich. „Die können doch auf Nebenstraßen ausweichen!“

„Gebt mal Gas! Bewegt euch, ihr faulen Säcke!“, rief er den Fahrern zu, indem er die Seitenscheibe herunter kurbelte, ohne dass diese  es durch ihren Eigenlärm hören konnten.

Herr Schobermann versuchte ihn zu beschwichtigen: „Die „Brummis“ versorgen dich  mit einem Überangebot an Waren in deinem großen Supermarkt, damit du mit einer großen Auswahl an Lebensmitteln über einen hohen Lebensstandard verfügst. Du möchtest doch zum Beispiel  unter 20 verschiedenen Marmeladen-Sorten  eine gewisse Auswahl treffen können, oder? Die bietet dir dein Supermarkt an.

Erinnere dich: Auf unseren gemeinsamen Reisen gab es beispielsweise  in Australien nur die dänische, sehr teure Butter und an Marmeladen nur die englische Jam und die deutsche Marmelade aus Bad Schwartau, ebenfalls zu einem Preis, für den man einen Kredit hätte aufnehmen oder einen Bausparvertrag hätte auflösen müssen.“

„Ich brauche keine 20 Marmeladengläser!  Das ist typisch für unsere Überflussgesellschaft“, erwiderte sein Gesprächspartner.

Herr Schobermann erinnerte sich an die Blech-Marmeladeneimer in Jugendheimen und kleinen Läden in der Nachkriegszeit, in denen löffelweise der einzige, nie im Geschmack sich verändernde süße Brotaufstrich neben Rübensirup portionsweise  gewogen und in ein kleines Gefäße abgefüllt wurde.

„Wohnte ich im beschaulichen Erfurt, wäre ich in den kleinen „Tante-Emma-Läden „mit nur zwei angebotenen Marmeladen-Sorten zufrieden. Da es aber in unserem Wohngebiet nur noch große Supermärkte  und keine kleinen Läden mehr gibt, bieten die Großen verständlicher Weise 20 Sorten an. Dann macht es mir sogar Spaß, aus zwanzig Sorten zwei auszuwählen.“

„Zockele ruhig  und gelassen, ohne dich aufzuregen, brav hinter den „Brummis“  her , auch wenn sie deine Spur blockieren. Freilich, wenn ein Lkw an einer Steigung fünf andere Lkws überholt, dann fahre am besten erst mal auf einen Parkplatz und halte ein Nickerchen. Danach ist deine Spur wieder frei!“

Versöhnlich über diese Bemerkung seines Freundes  nach ihrem fortwährenden  „Marmeladen-Streit“ gab Schobermanns  Fahr-Partner ein Erlebnis zum Besten: „Stell‘ dir vor: Ich hatte mir vor kurzem Marmeladengläser in kleinen Gläsern zu 180g pro Glas angesehen. aber konnte keine finden, die normal  groß genug waren. Die kleinen Gläser waren im Verhältnis teurer als die großen. Habe einen Mitarbeiter gefragt: ‚Wird es wieder größere geben? Warum sind die Gläser so klein?‘

Der Angestellte im Supermarkt, offensichtlich  mit Humor  gesegnet: ‚Das liegt daran,  die haben ihr Wachstum schon abgeschlossen, beziehungsweise eingestellt!’“

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