„Mach weg!“

Anruf von Harry, dessen Verbindung Schobermann vor Jahren abgebrochen hatte.

 

„Du hättest dich mal melden können! Wieso meldest du dich überhaupt nicht mehr?

Ich sitze hier, und kann verschimmeln, und du kümmerst dich überhaupt nicht um mich.

 

Schobermann war zunächst sprachlos.

„Wir hatten unsere Beziehung abgebrochen. Erinnerst du dich nicht mehr?

Ich habe 14 Enkel und mit mir selbst zu tun“, warf er als Gegenargument ein.

 

Er hörte ein am anderen Ende der Leitung ein lautes Klopfen, dass er nur zu gut kannte:

 

„Mach weg!“ hieß es da auch schon. Eigentlich wollte Schobermann einwerfen, das sei kein gutes Deutsch, sein Gesprächsparter müsse sich korrigieren und in ganzen Sätzen sprechen.

Aber er wollte seinen Gegenpart nicht unnötig verärgern und das Gespräch abkürzen.

 

Da ging es aber schon weiter:

„Du bist nicht für die Enkel verantwortlich! Du bist kein Wohlfahrtsstaat! Die haben für sich selbst zu sorgen. Ich hatte auch niemanden, der für mich sorgte, „Also, mach‘ weg!“.

 

„Eine Versorgung hatten wir alle Angehörigen unseres Kriegsjahrgangs nicht, Harry! Mein Vater ist im Krieg gefallen. Als Kriegswaise erhielt ich von der DDR keine Waisenrente, meine Mutter keine Kriegerwitwenrente. Sie hatte in der Fabrik einen 12-Stunden-Tag, und ich war immer allein auf mich gestellt! Ich flüchtete 1953 in die Bundesrepublik und verdiente im Rheinland als Gedingeschlepper-Arbeiter¹) und auf dem Bau als Handlanger ²) 72 Pfennige pro Stunde.

 

„Aber heute geht es dir doch gut. Du hast eine Frau, die für dich sorgt. Das habe ich nicht.

Und du hast eine Pension. „Die habe ich auch nicht. Du kannst doch mal kommen!“

 

„An deiner momentanen Situation trifft mich keine Schuld. Mich drückt kein schlechtes Gewissen, dass ich eine Frau habe!

Dass du eine so niedrige Rente bekommst, dafür kann ich nichts!

Für die Entfernung vom Meckelfelder Bahnhof bis zu deinem Wohnort sind es gut zwei Kilometer. Die schaffe ich nicht mal mit einem Rollator . Außerdem muss ich die Corona-Regeln einhalten. Corona habe ich auch nicht gewollt.“

 

„Die impfen uns doch überhaupt nicht! Unsere Regierung tut gar nichts! Und die Renten wollen sie auch wieder kürzen!“

 

„Davon weiß ich nichts!“

 

„Ja, Helmut, du liest ja nicht mehr. Im Hamburger Abendblatt steht alles drin, was du wissen musst! Du musst dich besser informieren!“

 

„Ist das gesetzlich vorgeschrieben, dass man das Hamburger Abendblatt lesen muss?“

 

„Darin liest du auch, die CO²-Steuer soll kommen!“

 

„Das kann dich wenig berühren. Du fährst gar nicht mehr Auto!“

 

 

„Aber alles wird dadurch teurer! Wer soll das alles bezahlen?“

 

„Tröste dich, in allen anderen Ländern ist auch alles teurer geworden“

 

„Auch meine zweite Frau ist mir jetzt weggelaufen! Sie hat mich wie die erste schnöde verlassen!“

 

„Dann steht dir jetzt bei deiner niedrigen Rente von 750 Euro, wie du sagst, eine Haushaltshilfe und eine Pflegehilfe zu.

Außerdem hättest du schon längst Wohngeld oder einen Mietzuschuss beantragen können.

 

„Ich gehe doch nicht bei den Behörden betteln! So weit kommt das noch! Und eine fremde Frau kommt mir nicht ins Haus. Man weiß doch nicht, wem man trauen kann.“

 

„Ja, Harry, dann kann man dir nicht helfen!“

 

Aber du könntest doch mal kommen! Es gibt doch Taxis! Wenigstens könntest du dich melden!“

Ich kann vor Zittern nicht mal die Gabel zum Mund führen!“ Die Jugendlichen machen draußen auf der Straße immer so viel Lärm und die Nachbarn einen großen Bogen um mich!

 

„Lasse dich bei einem örtlichen Pflegedienst und bei deiner Krankenkasse beraten. Die helfen dir!

Rufe die an!“

 

„Wie bitte, kannst du mir sagen, soll ich dort hinkommen? Außerdem hängt man überall in einer Warteschleife“

 

„Das ist aber immer noch billiger und bequemer als selbst hin zu fahren.

„Ich weiß nicht mehr weiter, Harry. Ich habe jetzt noch einen weiteren Anruf.

Du tolerierst ja nichts und niemanden! Du lässt dir einfach nicht helfen!

Ich mache jetzt weg!, Harry. Alles Gute für dich, wenn du das willst!“

 

Schobermann dachte nach:

Jeder lebt sein eigenes Leben, kocht sein Süppchen. Jeder hat durch schwere Zeiten und Krisen zu leben.

Wenn man Hilfe braucht, muss man sich kümmern. Es gibt Hilfen. Man muss sich nur helfen lassen.

Der Staat hilft, nicht aber ohne Antrag. Gegen Griesgrame, die sich nur noch beschweren, kann der Staat auch nichts tun. Mit „Mach weg!“ ist noch keiner glücklich geworden!

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Anmerkung:

¹)Der Gedingeschlepper-Arbeiter sorgte dafür, dass die Kipp-Loren (der „Hunt“), das Werkzeug und die Notlampen „vor Ort“ immer bereit und einsatzfähig waren. Das war eine schwere Arbeit, um immer „nachzukommen“, damit es keine „Leerlaufzeiten“ gab.

das Gedinge; 1) zwischen Betriebsleitung und Untertagearbeitern ausgehandelter Akkordlohn;

2)das „Hauer-Werkzeug und die Notlampen für den Fall einer Stromunterbrechung

wurde von den Bergleuten auch so bezeichnet

²)

Den Begriff „Handlanger“ gibt es im Zeitalter des Fertigbaus und der Automation kaum noch.

Der Handlanger war gewissermaßen als „Mädchen für alles“ Bauhilfsarbeiter bis in die Achtziger-Jahre hinein, musste den „Speis“ (Mörtel) noch mit der Hand anrühren und ihn sowie die Steine und die 50-kg-Zementsäcke auf seinem Rücken bis zum Dachstuhl die Leitern hinauftragen.

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