Frei wie ein Kranich?

Kraniche waren in der Luft. Lange bevor Schobermann sie sehen konnte, hörte er sie schon.

Sie kehrten aus südlichen Gefilden in ihre nordischen Sommerquartiere zurück. Staunend verfolgte er am Himmel ihren Flug. Tausende Meter über ihm ziehen sie, wohin sie wollen.

Das ist ein Traum, den viele Menschen träumen: frei wie Vögel zu sein. Grenzenlos machen zu können, was sie wollen.

Aber, ist das wirklich Freiheit?

 

Wenn mir bei einer Wanderung drei Wege offen stehen, und ich entscheide mich für einen, dann kann ich die beiden anderen nicht gehen, sagt sich Schobermann.

Andererseits, wenn ich mir aber alle Wege offenhalte, kann ich gar nicht gehen. Dann schlage ich Wurzeln und wachse fest.

Es ist manchmal schwer im Leben, zu entscheiden, welches der richtige Weg ist.

 

Schobermann wollte so viel und schaffte nach seinem Gutdünken wenig.

Es gab Tage, da er sich verzettelte und gar nichts erreichte.

Da haben es die Kraniche wohl einfacher, dachte er. Sie gehorchen einem Instinkt, einem Magnetfeld, ihrem Verband, suchen sich Futterplätze und erreichen irgendwann ihr Brutgebiet.

 

Vielleicht ist das ja auch gar keine Freiheit, wenn ich nur das mache, was ich will, sinniert Schobermann.

Vielleicht ist Freiheit nicht Beliebigkeit, sondern Entschiedenheit.

 

Denn er fühlt sich frei, wenn er unter mehreren Möglichkeiten e i n e n Weg gewählt hat.

Das wirkt so, als wenn Frank Sinatra sang: „My Way“. Der hatte sich für seinen Weg entschieden. So war er glücklich in sich selbst.

Natürlich, eine Entscheidung ist immer ein Wagnis. Aber – von seinem Gewissen getragen und gehalten – konnte Schobermann diese Freiheit riskieren.

Wie die Kraniche, die auch nicht immer die gleiche Route fliegen, um an ihr Ziel zu gelangen, so haben Forscher entdeckt. Die großen Vögel wählen aus vielen Möglichkeiten ihren Kurs. Sich für den eigenen Weg zu entscheiden, diese Freiheit können wir von ihnen lernen.

Über den Begriff Freiheit hatte Schobermann viel gehört. In der in Philosophie, Theologie und im Recht gibt es unzählige Definitionen.

Immer aber endet jedes Fazit da, wo die Freiheit nicht in Disziplinlosigkeit ausartet, sondern in Treue, Anhänglichkeit, Beständigkeit und in eine gewisse Einsicht in die Notwendigkeit von „Spielregeln“.

Am schönsten gefiel Schoermann ein Spruch an der Tafel in seiner Schule, mit Kreide geschrieben, der den Kategorischen Imperativ von Kant kindgemäß wie die Allgemeine Straßenverkehrsordnung ausdrückt:

„Was du nicht willst, das man dir tu‘,

das füg‘ auch keinem anderen zu.“

 

Lange noch sah Schobermann den Kranichen nach, wie ihr Flug-Verband im blauen Dunst am Horizont immer kleiner wurde und verschwand.

 

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