Auf der Terrasse fand ich ein langes graues Haar. das mir der starke Septemberwind aus der Hand weg pustete.
Daher zeichnete ich es auf.
Ist es nicht wunderbar, liebe Ehefrau, mit dir alt geworden zu sein und alle Höhen und Tiefen des Lebens gemeinsam erfahren zu haben?
Mit Höhen und Tiefen, damit meine ich auch die Krankheiten, die man nun mal im Alter bekommt.
Aber zu erleben, wie man vom Partner oder der Partnerin liebevoll und fürsorglich versorgt und verwöhnt oder „verarztet“ wird, ist eine schöne Erfahrung. Zuhören, dass sie Angst um dich hat oder, wie sie dir mir auf den Weg mitgibt: „Fahre vorsichtig zum Arzt!“ oder, wenn sie dir abends noch einen Grießbrei kocht, deine Lieblingsspeise von früher her, oder mahnt:“Hast du schon deine tägliche Spritze Insulin genommen?“
Wir beide waren stets ein gutes Team und konnten uns aufeinander verlassen.
Natürlich, das Altwerden erfordert Opfer und schmerzliche Einschränkungen im Gegensatz zum früheren Leben, aber wir sind mit allen fertig geworden oder haben – auch mit Klagen- Bürden auf uns genommen.
Klagen, Enttäuschungen nicht erfüllte Erwartungen und Meinungsverschiedenheiten sind im Leben, auch in der Gemeinsamkeit in jeder Lebensphase gang und gäbe, das geht allen Menschen so. Doch wer ganz einsam lebt, findet oft nicht den Menschen, der ihn über Schmerz oder Verlust hinwegtröstet.
Wenn ich dich in jungen Jahren kennengelernt hätte, würde ich dich um eine Locke gebeten haben, wie viele Verliebte es nach dem Motto von der Sängerin Alma Coogan getan haben:
„SO FÄNGT ES IMMER AN“
Aber erst viel später merken wir, dass das graue Haar viel wertvoller als die Locke war, weil sie uns durchs Leben getragen hat und wir beide im Alter die schönen Stunden , auch die der gemeinsamen guten Erinnerungen, genießen dürfen.